Fitz Traverse – Abenteuer Sport https://blogs.dw.com/abenteuersport Blog über Expeditionen und Grenzerfahrungen Wed, 06 Mar 2019 10:38:57 +0000 de-DE hourly 1 Honnold: „Die größte Inspiration meines Lebens“ https://blogs.dw.com/abenteuersport/honnold-die-groesste-inspiration-meines-lebens/ Sat, 14 Oct 2017 22:27:57 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=38159

Alex Honnold

Spätestens seit heute weiß Alex Honnold, was das Gegenteil von einem Free Solo ist: der „Press Walk“ des International Mountain Summit. Der 32-Jährige kann sich weder frei bewegen, noch ist er allein. Rund 60 Reporter, Kameraleute und Fotografen wuseln an der Plose, dem Hausberg von Brixen, um den Topkletterer aus den USA herum. „Crazy“, entfährt es dem 32-Jährigen. Spätestens seit dem 3. Juni ist der Name Honnold nicht mehr nur unter Insidern, sondern weltweit in aller Munde. An jenem Tag stieß er in eine neue Dimension vor: Alex kletterte als Erster free solo, also im Alleingang und ohne Seilsicherung, in nur vier Stunden durch die 900 Meter hohe Granitwand des legendären El Capitan im Yosemite-Nationalpark in den USA – auf der Route „Freerider“, die 1995 von Alexander Huber eröffnet und 1998 von ihm und seinem Bruder Thomas erstmals frei geklettert worden war. Zum Vergleich: Die Huberbuam hatten damals – mit Seilsicherung – mehr als 15 Stunden für ihren Aufstieg gebraucht.

Moderner Nomade

Immer für einen Spaß zu haben

Alex Honnold entspricht so gar nicht dem Klischee eines Extremkletterers. Er trägt die Haare kurz, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und ernährt sich vegetarisch. Seit vielen Jahren lebt er wie ein moderner Nomade, ganz bescheiden in einem Wohnmobil, mit dem er von Felswand zu Felswand fährt. Seit fünf Jahren unterstützt er mit seiner Stiftung Umweltschutzprojekte in aller Welt.

Schon während des Aufstiegs zur Rossalm, wo die Macher des IMS eine Pressekonferenz mit Honnold angesetzt haben, gelingt es mir, Alex ein paar Fragen zu stellen – getreu dem Motto „Walk and talk“. 😉

Alexander und Thomas Huber und auch Tommy Caldwell haben dein Free Solo am El Capitan mit der ersten Mondlandung verglichen. Wie hast du selbst deinen Erfolg empfunden?

Mir erging es ähnlich. Als ich jünger war, träumte ich davon, dass dies das Verrückteste sein würde, was ich jemals tun würde. Aber als ich es dann wirklich gemacht habe, empfand ich es als ziemlich normal, weil ich so viel Zeit in die Vorbereitung investiert hatte, dass es sich fast schon vernünftig anfühlte. Ich meine, es war schon etwas wirklich Besonderes für mich, aber doch irgendwie auch normal. Das ist echt kompliziert. Ich wäre ja gar nicht in der Lage gewesen, etwas derartiges zu tun, wenn ich es nicht geschafft hätte, dass es sich normal anfühlt. Gleichzeitig ist es aber auch ziemlich verrückt, ohne Seil den El Capitan zu klettern.

Alex Honnold: Pretty crazy

Gab es während des Kletterns einen Moment des Zweifels?

Nein, ich war zu 100 Prozent auf das Klettern fixiert. Ich wäre gar nicht erst losgeklettert, wenn ich nicht total darauf konzentriert gewesen wäre. Ich habe so lange daran gearbeitet. Neun Jahre lang habe ich davon geträumt.

Viele fragen sich, ob Free Solos überhaupt verantwortbar sind – besonders dieses in einer 900 Meter hohen, extrem steilen Wand. Was antwortest du ihnen?

Ich hatte das Gefühl, dass es verantwortbar war. Ich würde die richtigen Entscheidungen treffen und mein Bestes geben. Ich denke, ich bin mir der Risiken ziemlich bewusst, die ich eingehe.

Alex Honnold: Intentional about the risks

War es für dich so etwas wie das große Projekt deines Lebens?

Für mich hatte es wirklich viel von einem Lebenstraum, definitiv war es die größte Inspiration meines ganzen Lebens.

Kletterer am El Capitan

Musstest du, nachdem du dir diesen lange gehegten Traum erfüllt hattest, ein mentales Tal durchqueren?

Ich weiß nicht so recht. Sollte es wirklich so sein, bin ich genau jetzt in diesem Tal. Es ist schließlich erst ein paar Monate her, und ich verarbeitete es noch. Gleichzeitig suche ich aber schon nach meiner nächsten Inspiration, nach meinem nächsten Projekt. Im kommenden Jahr wird ein Film über das Ganze herauskommen. Derzeit tue ich nichts anderes, als über den El Cap zu reden. Es fühlt sich noch nicht wie Vergangenheit an.

Vor diesem Free Solo hast du bereits viele andere Aufsehen erregende Klettertouren gemacht. Ich denke zum Beispiel an die Fitz-Traverse mit Tommy Caldwell. Für dieses Projekt in Patagonien im Februar 2014 wurdet ihr später mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet, dem „Oscar der Bergsteiger“. Wie stufst du das Free Solo am El Capitan ein, wenn du es mit der Fitz-Traverse vergleichst?

Die Fitz-Traverse war ein tolles Klettererlebnis, weil ich es mit Tommy geteilt habe. Er ist ein sehr guter Freund und Kletterpartner. Aber die Fitz-Traverse war niemals ein Lebenstraum wie die „Freerider“, an die ich jahrelang gedacht habe. Die „Freerider“ war mein ganz persönlicher Traum, die Fitz-Traverse eher Tommys Idee. Ich war ja vorher auch noch nie in Patagonien gewesen, deshalb hatte ich dort keine Pläne. Tommy sagte, wir sollten das machen. Wir haben es dann getan, und es war ein tolles Erlebnis. Aber ich habe es nicht mit vorbereitet.

Wie genau hast du dich denn auf dein Free Solo am El Capitan vorbereitet?

Viele Jahre im Vorfeld eher mental. Ich habe es mir vorgestellt, davon geträumt, darüber nachgedacht, ob es möglich ist. Im letzten Jahr davor habe ich mich dann körperlich vorbereitet. Ich habe mir die Moves eingeprägt, habe sie ausprobiert und dann mit dem eigentlichen Training begonnen, um fit genug zu werden.

Du hattest also jeden Kletterzug im Kopf, bevor du in die Wand eingestiegen bist?

Ich hatte definitiv die Stellen im Kopf, auf die es ankommt. Nicht die leichten, aber die harten hatte ich mir vollkommen eingeprägt.

Worin lag für dich die Hauptschwierigkeit im mentalen Bereich?

Der wahrscheinlich größte Schritt war, überhaupt daran zu glauben, dass es möglich ist. Jahrelang dachte ich, wie toll es wäre, es zu machen, aber so richtig glaubte ich nicht daran, dass ich es auch könnte. Deshalb war der größte mentale Schritt, wirklich daran zu glauben und dann mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen.

Alex Honnold: The biggest step

Und als du losgelegt hast, konntest du alles hinter dir lassen?

Ich wäre nicht losgeklettert, wenn ich nicht bereit gewesen wäre. In dem Augenblick, als ich in die Wand einstieg, war alles in Ordnung.

„Verglichen mit dem El Cap sehen die Dolomiten wie Müll aus“, sagt Alex

Warum hast du dich für die „Freerider“ und nicht irgendeine andere Route entschieden?

Es ist die leichteste Route am El Cap. (lacht) Na ja, ganz so leicht ist sie dann doch nicht, aber die anderen wären noch härter gewesen.

Thomas Huber sagte mir, er hoffe, dass du rechtzeitig mit dem Free-Solo-Klettern aufhörst, weil du sonst wahrscheinlich stirbst, wenn du deine Grenzen immer weiter hinausschiebst.

Thomas Huber: Wie Everest ohne Sauerstoff oder Mondlandung

Ich stimme in dem Punkt zu, dass es immer gefährlicher wird, wenn du die Latte kontinuierlich höher legst. Aber Alex (Huber) zum Beispiel hat sich auf verschiedene Weise auch immer weiter gesteigert und ist dabei trotzdem sicher geblieben. Ich denke, es ist möglich, die Herausforderung zu erhöhen, ohne zu weit zu gehen.

Honnold: Not going too far

Es war also nicht dein letztes Free Solo?

Nein, ich habe vor ein paar Tagen ein paar in den Dolomiten gemacht (lacht), aber die waren sehr leicht. Für mich war das Free Solo am El Cap das Härteste, was ich jemals gemacht habe, und ich kann mir im Augenblick noch nichts vorstellen, was inspirierender wäre. Aber in der Vergangenheit, etwa in den letzten zehn Jahren, hat es immer zwischen sechs Monaten und einem Jahr gedauert, bis ich nach Projekten, die hart waren und auf die ich stolz war, wieder etwas Neues gefunden habe, was mich gepackt hat. Wir werden sehen.

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Tommy Caldwell: “Mein Herz ist im Yosemite” https://blogs.dw.com/abenteuersport/tommy-caldwell-mein-herz-ist-im-yosemite/ Fri, 12 Jun 2015 17:29:52 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=29831 Tommy Caldwell in Chamonix

Tommy Caldwell in Chamonix

Tommy hat einen Lauf. Der 36 Jahre alte US-Amerikaner Tommy Caldwell und sein Landsmann Alex Honnold wurden mit dem diesjährigen Piolet d’Or ausgezeichnet, dem „Oscar der Bergsteiger“: für ihre Erstbegehung der so genannten „Fitz-Traverse“ in Patagonien, eine mehr als fünf Kilometer lange Kletterroute über sieben Gipfel und einige messerscharfe Grate. Und Tommy ist auch im nächsten Jahr ein heißer Kandidat für den „Goldenen Eispickel“. Im vergangenen Januar gelang es ihm und Kevin Jorgeson, die extrem schwierige 900 Meter hohe Route „Dawn Wall“ im Granit des El Capitan im Yosemite-Nationalpark erstmals frei zu klettern – ein echter Meilenstein im Big-Wall-Klettern. Ich habe mit Tommy über beide Touren gesprochen.

Tommy, du und Alex Honnold seid mit dem Piolet d’Or für eure erfolgreiche Begehung der Fitz-Traverse in Patagonien ausgezeichnet worden. Wie hast du selbst diese herausragende Klettertour erlebt?

Es war für mich eine echt harte Kletterei. Sie war so weit fernab des Alltags. Wenn ich darauf zurückblicke, wirkt das Ganze fast irreal. Ich hatte das vorher gar nicht geplant. Wir gingen nach Patagonien, ohne zu wissen, was genau wir eigentlich klettern würden. Die Traverse war eine Idee, die ich allerdings für zu anspruchsvoll hielt. Ich dachte niemals, dass sie uns gelingen könnte. Aber dann gab es dieses große Schönwetter-Fenster und wir entschieden uns, dieses große Projekt anzugehen.

Für Alex war es die erste Expedition in Patagonien. Wie war es für dich, mit ihm die Fitz-Traverse zu klettern?

Es war großartig. Er ist der ultimative Kletterpartner. Ich war überzeugt, dass er seine Kletterkünste vom Yosemite nach Patagonien übertragen würde. Er mag allerdings die Kälte nicht, das machte mir ein wenig Sorgen. Aber weil es ein so intensives und unvergessliches Erlebnis war, hat er die Kälte in den paar Tagen gut weggesteckt. Manchmal sind wir eine Meile weit geklettert ohne uns überhaupt zu sehen, weil wir jeweils am anderen Ende des Seils waren. Aber wir sind beim Klettern so vertraut miteinander, dass wir ohne Worte auskommen.

Tommy und Alex in der Fitz-Traverse

Tommy und Alex in der Fitz-Traverse

Kann man die Fitz-Traverse in Patagonien und die Dawn Wall im Yosemite, die du zur Jahreswende mit Kevin Jorgeson erstmals frei geklettert bist, miteinander vergleichen?

Nein, sie waren so verschieden. Ich habe sehr hart für die Dawn Wall trainiert. Sieben Jahre lang hat sie ständig mein Denken beherrscht. Dieses Training war auch eine gute Vorbereitung für Patagonien, aber der Kletterstil war ein anderer. Die Fitz-Traverse passierte einfach, sie war nicht wirklich ein Plan. Die Dawn Wall war mehr als geplant, ich konzentrierte all meine Energie auf dieses Projekt. Dort haben uns Leute mit Essen und Tonnen von Ausrüstung versorgt, als wir dort oben in der Wand hingen. Die Fitz-Traverse war das krasse Gegenteil. Wir hatten nur einen 25- und einen 35-Liter-Rucksack, gerade eben genug Lebensmittel, nur einen Schlafsack.

Caldwell: So different in style

Was bedeutet es dir, die Dawn Wall frei geklettert zu haben?

Es bedeutet, dass eine Beziehung, die sieben Jahre dauerte, nun endet. Das ist ziemlich hart. Viele Leute denken, dass es ein großer Moment ist, ein Ziel zu erreichen. Für mich war es auch wirklich gut, dieses Projekt verwirklicht zu haben. Aber die Antriebskraft, die mein Leben so lange bestimmt hat, fehlt nun plötzlich.

Gehst du deshalb nun durch ein Tal?

(Lacht) Ja, wahrscheinlich. Im Augenblick schreibe ich ein Buch. So habe ich etwas, in das ich meine Energie stecken kann. Genauso bin ich, ich finde immer ein Ziel, dass ich dann intensiv verfolge. Jetzt muss ich also dieses Buch schreiben, aber ich erwarte, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt durch ein kleines Tal gehen muss. Eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher.

Tommy Caldwell in der Dawn Wall

Tommy Caldwell in der Dawn Wall

Ihr wart 19 Tage in der Dawn Wall. Was war das Härteste an dieser extremen Freikletterei?

Für mich war die Vorbereitung auf die Dawn Wall der härteste Teil: immer wieder zu versuchen, noch besser zu klettern und dann manchmal zu merken, dass es nicht klappt. Als wir dann endlich in der Wand waren und 19 Tage dort blieben, lief es wirklich gut für mich. Doch mein Kletterpartner hatte Schwierigkeiten, er war nicht so gut vorbereitet wie ich. Er musste wirklich kämpfen, und ich musste auf ihn warten, was aber auch nicht schlimm war. Ich würde sagen, es war insgesamt keine allzu harte Erfahrung, aber es gab Augenblicke, in denen wir uns fragten, ob wir es gemeinsam bis oben schaffen.

Caldwell: The hardest part was the preparation

Dachtest du, als Kevin Probleme bekam, für einen Moment daran, das Ding alleine durchzuziehen?

Glücklicherweise ist es nicht so weit gekommen. Ich wollte einfach nicht ohne Kevin oben ankommen. Aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn er aufgegeben hätte. Wahrscheinlich hätte er mich aufgefordert weiterzumachen.

Hat sich eure Freundschaft dadurch verändert, dass ihr ein so außergewöhnliches gemeinsames Projekt erfolgreich beendet habt?

Jede Kletter-Partnerschaft ist anders. Alex Honnold ist zum Beispiel jemand, den ich anrufen würde, wenn es mir wirklich schlecht geht. Er ist wie ein wirklich enger Freund. Kevin auch, aber auf eine andere Weise. Wir reden auch ziemlich viel, aber nur wenn wir miteinander klettern. Das klappt wirklich ausgezeichnet und es macht einen Riesenspaß. Ich bewundere Kevin sehr, aber es ist eher so wie in einer Geschäftsbeziehung, während es bei den meisten anderen meiner Kletterpartner tiefe Freundschaft ist, fast als wären es Familienmitglieder.

Caldwell about climbing relationships

Es gab einige Kritik an dem Medienwirbel um eure Kletterei. Kameraleute hingen in der Wand, in den letzten Tagen gab es sogar einen Video-Livestream. Was antwortest du den Kritikern?

Ich sage ihnen, dass wir den Medienwirbel nicht initiiert haben, es geschah einfach. Wir standen dem Ganzen offen gegenüber, wir ließen es geschehen, aber wir haben es nicht angestoßen. Es haben sich einfach so viele Leute dafür interessiert. Irgendwann sagte man uns: Da werden eine Menge Reporter am Gipfel stehen, wenn ihr dort ankommt. Und ich antwortete: Eigentlich will ich das gar nicht. Aber man kann das nicht kontrollieren. Der Yosemite- Nationalpark ist öffentliches Gelände. Jeder, der will, kann dort hinkommen.

Am Ziel! Caldwell (l.) und Jorgeson

Am Ziel! Caldwell (l.) und Jorgeson

Und was sagst du zu Leuten, die meinen: Dieser Mann ist verrückt, wenn er solche Dinge macht?

Das sagt ja keiner. (lacht) Dieser ganze Prozess, die Dawn Wall zu klettern, war solch eine Antriebskraft für mein Leben. Wenn du die ganze Zeit in meinem Kopf gesessen hättest, könntest du das voll und ganz verstehen. Aber die meisten Leute werden es nicht verstehen, das erwarte ich auch nicht.

Ist für dich das Kapitel Yosemite mit dem Ende des Projekts Dawn Wall jetzt abgeschlossen?

Der Yosemite-Nationalpark war immer und wird auch weiterhin Tiel meines Lebens bleiben. Ich weiß nicht, ob ich noch mal so ein großes Projekt wie die Dawn Wall angehen werde, aber ich klettere weiter im Yosemite. Rein physisch lebe ich zwar in Colorado, aber mein Herz ist im Yosemite.

Du hast 2001 bei einem Unfall mit einer Tischkreissäge einen Finger verloren. Wie ist es möglich, mit nur neun Fingern solche extremen Touren zu klettern?

Als ich mir den Finger abgetrennt habe, war ich schon ein ziemlich ernsthafter Kletterer. Ich wollte meinen Lebensstil als professioneller Kletterer nicht aufgeben. Und so fokussierte ich mich voll und ganz darauf, die Verletzung zu überwinden. Es hat mich mental stärker gemacht. Die größten Fortschritte als Kletterer habe ich gemacht, nachdem ich mir den Finger abgetrennt habe. Vorher war ich ein Sportkletterer und Boulderer, danach habe ich mich mehr den großen Wänden und Bergen zugewandt, weil mir klar war, dass ich mit neun Fingern niemals der beste Wettkampfkletterer sein könnte. Das Big-Wall-Klettern ist nicht ganz so intensiv, was die Fingerkraft anbelangt.

Du warst auch auf Expeditionen zu den hohen Bergen. Im Jahr 2000 wurdest du in Kirgistan entführt. Hat diese Erfahrung dazu geführt, dass du einen Bogen um die ganz hohen Berge gemacht hast?

Nein. Was in Kirgistan passiert ist, hatte nichts damit zu tun, dass wir in den Bergen unterwegs waren. Wir waren einfach mitten in einen politischen Konflikt geraten.

Tommy mit Ehefrau Rebecca und Sohn Fitz

Tommy mit Ehefrau Rebecca und Sohn Fitz

Aber du bist nur knapp mit dem Leben davongekommen.

Ja, aber ich fahre immer noch zu sicheren hohen Bergen überall auf fder Welt. Die ganz hohen Berge habe ich eher wegen der Lawinengefahr gemieden. Ich habe 25 Freunde in den hohen Bergen verloren. Ich bin Vater. Ich möchte lange leben. Deshalb suche ich mir Klettertouren aus, bei denen ich die Gefahr für kontrollierbar halte.

Also keine Achttausender?

Ich habe keine kontreten Pläne dafür. Aber sollte ich eine schöne Route an einem Achttausender finden, bei der ich die Gefahr von Steinschlag, großen Lawinen und Gletscherspalten für vertretbar halte, würde ich sie klettern.

Du bist Ehemann und Vater. Hat dich das vorsichtiger gemacht?

Ich glaube ich sehe mein Leben durch die Brille eines Mannes, der Menschen hat, die sich auf mich verlassen. Ich empfinde eine große Verantwortung, für sie da zu sein. Und deshalb suche ich mir nur Klettertouren aus, die ich für beherrschbar halte. Ich möchte nicht in den Bergen sterben.

Caldwell: I don’t want to die in the mountains

P.S. Ich habe das Interview mit Tommy Caldwell bereits im April bei den Piolet d’Or-Feierlichkeiten geführt. Dann aber kam das Erdbeben in Nepal dazwischen und so musste es warten …

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Patagonisches https://blogs.dw.com/abenteuersport/patagonisches/ Mon, 24 Feb 2014 16:58:19 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=25361 Traumberge Patagoniens: Fitz Roy (l.) und Cerro Torre (r.)

Traumberge: Fitz Roy (l.) und Cerro Torre (r.)

Es gibt noch einige weiße Flecken auf meiner Wunsch-Weltkarte. Patagonien gehört dazu. Die Granitberge dort zählen nicht zu den höchsten, aber gewiss zu den schönsten Bergen der Welt. Jahr für Jahr ziehen sie Top-Kletterer aus aller Herren Länder an – und schicken sie häufig wieder unverrichteter Dinge heim. An kaum einem anderen Ort ist das Wetter so wechselhaft und unberechenbar wie in den Bergen am Südzipfel Südamerikas. Aus Patagonien erreichten uns zuletzt eine gute und eine traurige Nachricht.

Wahnsinnstraverse

Tommy Caldwell am Nordpfeiler des Fitz Roy

Tommy Caldwell am Nordpfeiler des Fitz Roy

Für Begeisterungsstürme in der Kletterszene sorgten Alex Honnold und Tommy Caldwell. Die beiden US-Amerikaner durchstiegen erstmals die so genannte „Fitz-Traverse“. Sie überschritten die komplette Gipfelgruppe um den Fitz Roy. Für die mehr als fünf Kilometer lange Kletterstrecke über sieben Gipfel und teilweise messerscharfe Grate benötigten die beiden fünf Tage. Für den 28 Jahre alten Honnold, der bisher vor allem mit Speed-Begehungen und Free-Solos, sprich ungesicherten Klettereien, für Furore gesorgt hatte, war es das erste Projekt in Patagonien – und dann gleich so ein Paukenschlag. Der 35 Jahre alte Tommy Caldwell hat sich vor allem mit Freikletter-Touren  an den legendären Granitwänden des Yosemite Valley einen Namen gemacht. Was ihn antreibt, hat Tommy einmal sehr einprägsam beschrieben: „I don’t know what’s wrong with me, but I love this shit.” (Ich weiß nicht, was mir fehlt, aber ich liebe diesen Scheiß.)

Chad Kellogg von Felsbrocken erschlagen

Chad Kellogg (1971-2014)

Chad Kellogg (1971-2014)

Zum Verhängnis ist der Fitz Roy einem anderen Topkletterer aus den USA geworden. Chad Kellogg starb, als er im Abstieg von einem Felsbrocken getroffen wurde. Er wurde nur 42 Jahre alt. Chad hatte in den letzten Jahren vor allem an den hohen Bergen Nepals seine Spuren hinterlassen. Mit seinem Landsmann David Gottlieb gelang ihm 2011 die Erstbesteigung des 6625 Meter hohen Pangbuk Ri. Dreimal versuchte Kellogg vergeblich, am Mount Everest  den Geschwindigkeitsrekord ohne Flaschensauerstoff zu brechen. Nach seinem letzten, auf 8300 Meter Höhe gescheiterten Versuch im Frühjahr 2013 schrieb Chad: „Letzten Endes bedeutet Leben, für jeden Moment zu leben. In diesem Sinne bereue ich nichts, weil jeder Moment ein Geschenk ist.“ R.I.P.

P.S. Ich weiß, ich bin mit dieser Geschichte ein bisschen spät dran, bitte aber um Nachsicht. Die Winterspiele in Sotschi ließen mir wenig Zeit ;-).

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