Christian Zenz – Abenteuer Sport https://blogs.dw.com/abenteuersport Blog über Expeditionen und Grenzerfahrungen Wed, 06 Mar 2019 10:38:57 +0000 de-DE hourly 1 Alexander Huber: „Klimawandel ist krass spürbar“ https://blogs.dw.com/abenteuersport/alexander-huber-klimawandel-ist-krass-spuerbar/ Sat, 02 Sep 2017 15:50:09 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=37379

Ogre II und I (r.), dazwischen die erreichte Scharte

Drei Versuche, dann war Schluss. Wie berichtet, brachen Alexander Huber, der Schweizer Dani Arnold sowie die beiden Osttiroler Mario Walder und Christian Zenz ihre Expedition am 7285 Meter hohen Ogre I in Pakistan ab und kehrten heim. Sie hatten den Gipfel des überhaupt erst dreimal bestiegenen Bergs über den noch nie gemeisterten Ostpfeiler erreichen wollen. Ich habe mit Alexander, dem mit 48 Jahren jüngeren der beiden Huberbuam, über die gescheiterte Expedition gesprochen.

Alexander, du hast auf Facebook geschrieben, ihr hättet kapiert, was euch der Berg sagen wollte. Wie lautete diese Botschaft?

Wir sind dreimal in Richtung Berg aufgebrochen, haben dreimal mit maximalem Risikomanagement die Dinge in Schach halten können, sind beim letzten Mal auch bis zum Einstieg gelangt. Aber wir haben jedes Mal gemerkt, dass wir zeitlich extrem knapp dran waren. Es gab nur ein ganz kurzes Fenster, in dem wir uns sicher am Berg bewegen konnten. Dann musst du voll Stoff unterwegs sein, um zeitig aus der Gefahrenzone heraus zu kommen. Das haben wir dreimal gemacht, und es ist es auch gutgegangen. Aber irgendwann läuft es mal nicht so gut, und dann steht man mitten in diesem extrem gefährlichen Gelände und kommt nicht mehr heraus.

Dazu kam, dass wir so einen schlechten Schnee hatten. Wir haben im Wasserschnee gekämpft, auf 6100 Metern, und das mitten in der Nacht! Das waren brutale Verhältnisse. Das ist ganz klar dem Klimawandel geschuldet. Besser Finger weg davon, wenn man überleben will.

Alexander Huber

Fiel die Entscheidung abzubrechen einstimmig?

Absolut einstimmig. Für jeden von uns war klar, dass wir unter solchen Verhältnissen nicht einmal den Hauch einer Chance haben, überhaupt in die Nähe des Gipfels zu kommen. Und wenn ich weiß, dass ich eh nicht hinaufkomme, weil der Schnee so was von bescheiden ist, dann ist es besser, es irgendwann gut sein zu lassen. Wir haben ja auch die Schneefelder oben gesehen. Da war ein Großteil des Schneefeldes blank, das heißt, dort war ein Lawinenstreifen abgegangen. Es sorgt natürlich auch nicht für die positivste Einstellung, wenn man sieht, dass die Schneeverhältnisse oben immer noch problematisch und sehr gefährlich sind.

Klimawandel hinterlässt Spuren

Du hast den Klimawandel angesprochen. Es war in diesem Jahr im Karakorum wieder extrem warm. Wäre es aus deiner Sicht eine Alternative, zu einem späteren Zeitpunkt anzureisen?

Ich habe es vor zwei Jahren am Latok erlebt, im letzten Jahr in Grönland und jetzt wieder: Der Klimawandel ist derart krass spürbar, dass es fast weh tut. Wie in den Alpen wird sich auch im Karakorum das Bergsteigen verändern müssen. Wahrscheinlich wird man sich in Zukunft an einem leichten Siebentausender akklimatisieren und dann gegen Ende August für nur zwei, drei Wochen an so einen schwierigen Berg wie den Ogre gehen. Das ist das einzige Szenario, das ich mir derzeit denken kann, damit du an einem solchen gefährlichen Berg schlagkräftig unterwegs sein kannst. So werde ich es sicher das nächste Mal angehen.

Wird es also einen dritten Versuch am Ogre geben?

Das kann gut sein. Ich habe diesen Berg schon 1993, damals mit Traunsteiner Freunden, erstmals als Ziel ins Auge gefasst. Wir haben uns dann aber kurzfristig für den Latok II entschieden, wo ich dann 1997 mit Thomas hingefahren bin [Mit Toni Gutsch und dem US-Amerikaner Conrad Anker gelang ihnen die erste Durchsteigung der Latok II-Westwand]. 1999 haben wir dann den Ogre I probiert [Mit Gutsch und Jan Mersch versuchten sie vergeblich, über den Südpfeiler auf den Gipfel zu steigen]. Damit hat überhaupt mein Denken an das Bergsteigen und Klettern an den ganz großen Bergen angefangen. Deswegen ist der Ogre irgendwie ein bisschen in mir verankert. Wenn es passt, werde ich noch einmal dorthin aufbrechen. Aber wenn, dann sicher mit einer völlig veränderten Taktik.

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Ogre nach Nachtfahrplan https://blogs.dw.com/abenteuersport/ogre-nach-nachtfahrplan/ Wed, 30 Aug 2017 19:55:37 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=37335

Ogre-Ostpfeiler

Kaum etwas war möglich in diesem Sommer am Ogre I. „Das Wetter zeigte sich grundsätzlich eher von der schlechten Seite“, schreibt Alexander Huber auf Facebook über seine Expedition zu dem 7285 Meter hohen Berg in Pakistan. Die Bedingungen waren grenzwertig. „Wenig Altschnee vom Winter und viel Neuschnee vom Frühsommer im Schneedeckenaufbau. Dazu die generell hohen Temperaturen. Macht in der Summe jede Menge Faulschnee (Schneematsch).“ Der 48-Jährige, der jüngere der Huberbuam, hatte in diesem Sommer mit den beiden Osttirolern Mario Walder und Christian Zenz sowie dem Schweizer Dani Arnold den Gipfel über den noch nie durchstiegenen Ostpfeiler erreichen wollen. Schon vor der Abreise hatte Alexander den Ogre I mir gegenüber als „einen der exklusivsten Gipfel unserer Erde“ bezeichnet, „einen der schwierigsten Punkte, die man erreichen kann“. Das sollte sich bestätigen: Bergsteigen war nur nach Nacht-Fahrplan möglich.

Endstation am Einstieg zum Pfeiler

Gefährlicher Aufstieg zur Scharte

„Bei den drei Aufstiegen bis hin zur Scharte zwischen Ogre I und Ogre II hatten wir viel Energie aufzuwenden, die objektiven Risiken beherrschbar zu halten“, berichtet Alexander. „Seracs, kollabierende Wechten, Stein- und Nassschneelawinen, die ersten schon um sechs Uhr morgens, ließen uns wenig Spielraum: Jede Aktivität hatte zwischen 24 Uhr und 5 Uhr stattzufinden, dann hieß es im Zelt 19 Stunden bis zum nächsten Einsatz in der folgenden Nacht zu warten.“ Der Plan, nur nachts unterwegs zu sein, „funktionierte leider auch nur halbwegs“, schreibt Dani Arnold auf seiner Homepage. „Denn es dauerte schon einige Stunden, bis der Schnee hart wurde in der Nacht und bis zum Sonnenaufgang blieb uns nur wenig Zeit zum Klettern.“ Schließlich fiel die Entscheidung: Endstation für den „Nachtzug“ am Einstieg zum Ostpfeiler – „weit weg von der Möglichkeit, unter diesen Bedingungen auch nur in die Nähe des Gipfels zu kommen“, so Alexander Huber. „Wir sind bereit, sehr viel für einen Berg zu geben. Energie, Motivation, Leidensbereitschaft, Herzblut und Risiko. Wenn es aber hoffnungslos ist, reift schnell die Erkenntnis, dass es Zeit ist, ‚Nein‘ zu sagen.“

Erst dreimal bestiegen

Damit bleibt es weiter bei nur drei Besteigungen des Ogre I. Die erste gelang am 13. Juli 1977, also vor 40 Jahren, den Briten Chris Bonington und Doug Scott. Der Abstieg wurde zum Drama mit glücklichem Ausgang: Scott brach sich beide Knöchel, Bonington zwei Rippen. Dennoch erreichten beide, unterstützt von den anderen Teammitgliedern, eine Woche nach dem Gipfelerfolg das Basislager. Eine der großen Überlebensgeschichten an den höchsten Bergen der Welt. 2001 schafften Alexanders Bruder Thomas und die beiden Schweizern Urs Stoecker und Iwan Wolf die zweite Besteigung des Bergs, 2012 die US-Amerikaner Kyle Dempster und Hayden Kennedy die dritte.

Gefahr ernst genommen

Nichts zu holen

Für Alexander Huber war es der zweite gescheiterte Versuch am Ogre I. 1999 hatte er sich mit seinem Bruder Thomas sowie Toni Gutsch und Jan Mersch vergeblich am Südpfeiler versucht. Die Entscheidung, erneut umzukehren, sei alles andere als leicht gefallen, räumt Alexander ein: „Aber ich denke, dass wir verstanden haben, was der Berg uns mitteilen wollte. Und es gibt ihn ja noch länger, den Berg!“ Auch Dani Arnold trägt das Scheitern am Ogre mit Fassung. „Klar bin ich jetzt enttäuscht“, schreibt der 33-Jährige. „Ich bin aber überzeugt, dass zu oft eingegangenes, objektives Risiko einmal nicht mehr gut ausgeht. Abgesehen davon finde ich es auch dumm, etwas Absehbares nicht ernst zu nehmen.“

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Alexander Huber: „Der Ogre ist kein Menschenfresser“ https://blogs.dw.com/abenteuersport/alexander-huber-der-ogre-ist-kein-menschenfresser/ Sat, 24 Jun 2017 11:02:09 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=36771

Alexander Huber

Der Ogre wirkt auf die „Huberbuam“ wie der Gesang der Sirenen in der griechischen Mythologie: Die beiden deutschen Topkletterer können sich dem Ruf dieses faszinierenden Granitriesen kaum entziehen. Immer wieder in ihren langen Karrieren sind Alexander und Thomas Huber zum Ogre-Massiv im Karakorum oder den nahe gelegenen Gipfeln der Latok-Gruppe aufgebrochen. 1999 scheiterten sie gemeinsam beim Versuch, den 7285 Meter hohen Ogre I zu besteigen. 2001 schaffte Thomas mit den beiden Schweizern Urs Stoecker und Iwan Wolf die zweite Besteigung des Bergs. Die erste war am 13. Juli 1977, also vor fast 40 Jahren, den Briten Chris Bonington und Doug Scott gelungen. Der Abstieg wurde zum Drama mit glücklichem Ausgang: Scott brach sich beide Knöchel, Bonington zwei Rippen. Dennoch erreichten beide, unterstützt von den anderen Teammitgliedern, eine Woche nach dem Gipfelerfolg das Basislager. Eine der großen Überlebensgeschichten an den höchsten Bergen der Welt.

Mit Freunden ist es einfacher

Gestern ist Alexander Huber zum Ogre aufgebrochen. Zu seinem Team gehören die beiden Osttiroler Mario Walder und Christian Zenz sowie der Schweizer Dani Arnold. Mit Dani (und Thomas Senf)  hatte Alexander im vergangenen März eine neue Route durch die Matterhorn-Nordwand eröffnet, mit Mario und Christian war ihm im Sommer 2016 am Ritterknecht in Ostgrönland eine Erstbegehung geglückt. „Man greift gerne auf Partner zurück, die man kennt“, sagt Alexander Huber. Seine drei Gefährten seien nicht nur gute, kompetente Bergsteiger, sondern auch Freunde. „Man muss ja doch viel Zeit gemeinsam verbringen, oft Momente mit Anspannung durchleben. Umso mehr die menschliche Chemie passt, umso besser ist es.“ Ich habe mit dem 48-Jährigen, dem jüngeren der Huberbuam, vor seiner Abreise nach Pakistan über die Expedition gesprochen.

Alexander, es zieht euch zum Ogre, einem Siebentausender im Karakorum. Was genau habt ihr vor?

Ogre I (l.) und Ogre II, Ostpfeiler führt vom Sattel links aufwärts

Wir würden gerne den Ostpfeiler erklettern. Diese Route wurde bis heute noch nicht begangen. (Mehrere Versuche über die Ostseite scheiterten, so drehte ein spanisches Team 1992  im Schneesturm auf einer Höhe von 6500 Metern um.) Aber es ist weniger die Idee, an diesem Berg eine Erstbegehung zu kreieren, sondern überhaupt den Gipfel zu erreichen. Es ist einer der exklusivsten Gipfel unserer Erde, einer der schwierigsten Punkte, die man erreichen kann. Thomas hat ja 2001 die Zweitbesteigung des Ogre realisiert, seitdem gab es nur eine weitere Besteigung (2012 durch die US-Amerikaner Kyle Dempster und Hayden Kennedy). Daran sieht man: Es ist kein einfacher Gipfel, aber genau deswegen wollen wir hin.

Nur drei Besteigungen. Und es mangelte ja nicht an Versuchen, es gab weit über 20 Expeditionen an diesem Berg. Was macht ihn so schwierig?

Der Ogre ist einfach ein unheimlich komplexer Berg mit vielen objektiven Gefahren, durch die Seracs, die sich praktisch auf allen Seiten befinden. Deswegen ist auch der Ostpfeiler unser Ziel, weil er aus meiner Sicht frei von objektiven Gefahren ist. Aus der Ferne eingeschätzt, glaube ich, dass wir über diesen Weg allen Seracs aus dem Weg gehen können. Wie es sich dann in der Realität verhält, werden wir sehen. Aber ich hoffe, dass wir damit den maximal sicheren Weg zum Gipfel des Ogre erkunden und realisieren.

Alexander Huber: Ein unheimlich komplexer Berg

Ogre heißt übersetzt „Menschenfresser“. Trägt dieser Berg seinen Namen zu Recht?

Die Ogre-Erstbesteiger Bonington (l.) und Scott (im April 2015)

Das kann man eigentlich nicht sagen. Es gab zwar einen Unfall, bei dem ein Bergsteiger ums Leben gekommen ist. (Bei einer deutschen Expedition, die sich 1993 am Ogre-Südpfeiler versuchte, stürzte der Schweizer Philipp Groebke tödlich ab.) Aber er ist sicher nicht der Menschenfresser an sich. Dafür ist er als Berg einfach viel zu anspruchsvoll. Das heißt, die Bergsteiger, die sich vornehmen, einen Ogre zu besteigen, sind allesamt kompetente, starke Bergsteiger, die genau wissen, was sie tun. Gefährlich wird das Bergsteigen ja meist immer dann, wenn inkompetente Leute versuchen, einen Gipfel zu erreichen. Das Musterbeispiel dafür im Himalaya ist sicher der Mount Everest. Dort wird auch in der Zukunft noch viel gestorben werden, weil viele Leute den Berg besteigen wollen, ohne die Kompetenz zu haben. Insofern hat der Ogre seinen Namen nicht verdient. Er ist kein Menschenfresser.

Aber eigentlich ist das ja auch nicht sein ursprünglicher Name, sondern Baintha Brakk. Baintha ist eine Wiese am Rande des Biafo-Gletschers, von der aus der höchste Punkt des Bergs als dominanter Gipfel zu sehen ist. Brakk heißt Spitze. Es ist also die Spitze, die man von der Wiese Baintha aus sieht. Ich bin ja sowieso der Meinung, man sollte zu ursprünglichen Namen der Berge zurückkehren. Der Mount McKinley ist der Denali, der Mount Everest von der tibetischen Seite aus der Chomolungma, von der nepalesischen die Sagarmatha, der K 2 der Chogori, und der Ogre ist an sich der Baintha Brakk.

Alexander Huber: Ogre ist kein Menschenfresser

Alex, Mario und Dani (v.l.) 2015 auf dem Gipfel des Sechstausenders Panmah Kangri

Die letzten Sommer im Karakorum waren sehr warm. Das führte dazu, dass viele Expeditionen scheiterten. Welches Wetter eröffnet euch eine reelle Chance am Ogre?

Wenn wir das gleiche Schicksal wie vor zwei Jahren  (damals waren die Huber-Brüder mit Mario Walder und Dani Arnold in der Latok-Gruppe unterwegs) haben, als die Null-Grad-Grenze über mehrere Wochen bei 6500 Meter und höher lag, werden wir auch in diesem Jahr Probleme bekommen. Ich denke, das Bergsteigen wird sich in der Zukunft aufgrund des Klimawandels ohnehin verändern. Die Bergsteiger müssen sich darauf einstellen. Wenn die Null-Grad-Grenze weiter so massiv ansteigt, werden wir beizeiten auf die Herbst- oder Frühjahrssaison ausweichen müssen. Ich habe jetzt trotzdem noch einmal die Sommersaison gewählt, weil ich der Überzeugung bin, dass es auf dem Weg zum Gipfel des Ogre eminent wichtig ist, dass man gerade in Gipfelnähe nicht die tiefen Temperaturen hat. Vielleicht haben wir das Glück, dass diesmal die Verhältnisse passen. Das Wetter ist schwer zu interpretieren. Aber das sind eben die Herausforderungen, denen man sich heute stellen muss.

Ihr habt ja 2014 schon einmal eine Expedition nach Pakistan wegen der brisanten politischen Lage abgesagt. Fährst du wieder mit einem mulmigen Gefühl dorthin?

Leider kann man heute in Pakistan nicht mehr so reisen wie vor 20 Jahren. Ich habe Pakistan noch zu einer Zeit kennenlernen dürfen, wo es diese Division in westliche Welt und muslimische, arabische Welt nicht gab. Damals konnte man sich frei in diesem Land bewegen. Wenn man heute über das freie Land reist, kann man sich nie sicher sein, dass es nicht doch zu Anschlägen kommt, gerade auf Touristen. Deswegen gibt es auch keinen Tourismus mehr in Pakistan. Die Leute, die heute noch in das Land reisen, sind ausschließlich Bergsteiger, die ein ganz konkretes Ziel haben. Wenn wir dorthin reisen, sind wir wirklich undercover unterwegs, das heißt wir sind nicht sichtbar.

Alexander Huber: In Pakistan undercover unterwegs

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Ostgrönland: Alexander Huber und Co. pflücken den Tag https://blogs.dw.com/abenteuersport/ostgroenland-alexander-huber-und-co-pfluecken-den-tag/ Tue, 04 Oct 2016 15:01:37 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=33795 Thomas Huber (r.) in Ostgrönland

Thomas Huber (r.) in Ostgrönland

Der Klimawandel macht zuweilen auch Abenteurern einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich hatten sich der deutsche Topkletterer Alexander Huber und seine Osttiroler Teamgefährten Mario Walder, Bruno Schneider und Christian Zenz in diesem Sommer vorgenommen, die vor 16 Jahren erstmals durchstiegene Südwand des Tupilak in Ostgrönland frei zu klettern. „Das ist eine total geile, steile Wand“, schwärmt Alexander. „Aber wir sind gar nicht erst hingekommen. Die 40 bis 50 Kilometer Anmarsch waren ohne Schlitteneinsatz nicht drinnen.“ Das blanke Eis der Gletscher ohne Schneeauflage und die darauf liegenden kleinen Steinchen hatten den Pulkas, den Kunststoff-Zugschlitten, schon nach etwa einem Drittel der Strecke den Garaus gemacht. Ihre Ski hatten die vier Kletterer ganz umsonst mitgenommen.

Alexander Huber war im vergangenen Jahr schon einmal in Ostgrönland gewesen, allerdings zu einer anderen Jahreszeit. „Du kannst dir im arktischen Winter einfach nicht vorstellen, dass das Ganze dann im Sommer völlig schneefrei wird. Das zeigt schon ganz klar den Klimawandel“, erzählt mir der 47-Jährige, der jüngere der beiden „Huberbuam“. „Dass die Null-Grad-Grenze permanent auf 2500 bis 3000 Meter liegt, ist schon sehr ungewöhnlich.“

Attraktives Alternativziel

Ritterknechtd

Ritterknecht

Huber und Co. disponierten kurzerhand um und entschieden sich für einen Versuch am Ostpfeiler des 2020 Meter hohen Ritterknecht, vielen Kletterern auch unter dem dänischen Namen Rytterknægten bekannt. Der markante Berg im so genannten „Schweizerland“ war 1938 von einer Expedition des „Akademischen Alpenclubs Zürich“ erstmals bestiegen worden. Die Gruppe unter Leitung des Alpinisten André Roch hatte gut ein Dutzend Gipfel in Ostgrönland erstmals betreten. Alexander hatte den Ostpfeiler im Vorjahr als mögliches Ziel ausgemacht: „Das war auch die Motivation, die Reise zu starten. Ein 1000 Meter hoher Pfeiler, von eindrucksvoller massiver Gestalt. Das ist natürlich schon für einen Alpinisten ein Ziel, so einen Pfeiler zu erklettern.“ Hubers Recherchen ergaben, dass offenbar noch niemand dort hochgeklettert war. „Wir haben diesen Pfeiler erstbegangen, das war eine super Sache.“

Gemacht, was möglich war

Erfolgreiches Team: Schneider, Huber, Zenz, Walder (v.l.)

Erfolgreiches Team: Schneider, Huber, Zenz, Walder (v.l.)

Innerhalb von 24 Stunden kletterte das Quartett über den Pfeiler zum Gipfel und wieder zurück. „Eine gewaltige Bergfahrt“ sei es gewesen, schreibt Mario Walder in seinem Expeditionsbericht. Die Erstbegeher taufen ihre Route „Carpe diem“, „Pflücke den Tag“. Das Motto gelte auch für die Expedition, sagt Alexander Huber: „Wir haben unsere Chancen genutzt und genossen. Wir haben einfach das, was möglich war, zufrieden aufgenommen.“ Drei Wochen waren die Kletterer unterwegs. Der besondere Reiz einer Expedition in die Arktis liege in der „absoluten Abgeschiedenheit“, findet Alexander. „Wir haben uns von einem Inuit bis zum Ende des Fjords bringen lassen. Und von dem Zeitpunkt an waren wir die einzigen Menschen, die in dieser Bergregion unterwegs waren.“

Verwundbar

Unmittelbar vor der Abreise von Island nach Grönland erfuhr Alexander Huber vom 16-Meter-Sturz seines Bruders Thomas aus einer Felswand im Berchtesgadener Land. „Das war für mich schon ein dramatischer Moment, weil ich gar nicht gewusst habe, ob ich mich überhaupt auf die Reise begeben soll. Bevor ich losflog, wollte ich schon wissen, dass es ihm gut ging.“ Auch wenn der Sturz für Thomas letztlich – wie berichtet – vergleichsweise glimpflich ausging, saß der Schock auch bei Alexander tief: „Das macht einem immer wieder bewusst, wie verwundbar man als Mensch ist.“

P.S. Alexander Huber ist gerade aus dem Felsmassiv Picos de Europa in Nordspanien zurückgekehrt. Dort gelang es ihm und seinem deutschen Kletterpartner Fabian Buhl, die klassische Route „Suenos de invierno“ (Winterträume) am 2518 Meter hohen Naranjo de Bulnes erstmals frei zu klettern – in neun Stunden. Die spanischen Winter-Erstbegeher der Route hatten 1983 insgesamt 69 Tage in der Wand verbracht.

 

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