Bewerbung – Bildungswege https://blogs.dw.com/bildungswege Fünf Blogger, fünf Länder, ein Dialog. In diesem Blog diskutieren fünf junge Leute aus Irak, Deutschland, Argentinien, Russland und Kenia über Bildungschancen in ihren Heimatländern und über ihre eigenen Bildungswege. Fri, 20 Jul 2012 11:55:22 +0000 de-DE hourly 1 Glück und Pech bei der Jobsuche https://blogs.dw.com/bildungswege/?p=697 Fri, 11 May 2012 13:30:56 +0000 http://blogs.dw.com/bildungswege/?p=697

Jedes Jahr zeigen die Studenten beim Festival des Ranya-Instituts ihr Können

Ich habe Musik studiert am Ranya-Institut der Bildenden Künste und habe im Juni 2008 meinen Abschluss gemacht. Ich war natürlich glücklich, mein Diplom in Händen zu halten. Ich dachte: „Damit hast du gleich im Anschluss einen Job in der Tasche!“ Ich habe dann alle notwendigen Unterlagen ausgefüllt und mich für eine Lehrerstelle an einer Grundschule beworben. Aber dann stellte sich heraus, dass wir, die wir gerade den Abschluss gemacht hatten, kein Glückslos zogen. Und nicht nur in meiner Fachrichtung hatten Absolventen Pech. Es gab einfach keine Jobs im Irak.

Für die Hochschulabgänger wurde es ein sehr langes Jahr.  Aber nicht nur die Uni-Absolventen blickten in eine düstere Zukunft. Auch Schulabgänger,  die zwar keine Hochschulzulassung bekommen aber doch gute Noten auf dem Zeugnis hatten, mussten sich irgendwie durchschlagen. Viele verloren jede Hoffnung, dass es für sie noch eine Zukunft im Irak geben könnte, sie dachten, die Regierung hätte sie schon vergessen. Eine Menge junger Menschen haben deshalb das Land verlassen, viele sind als Flüchtlinge nach Europa gegangen.

Ich hatte mehr Glück als meine Studienkollegen, weil ich am Ranya-Institut, wo wir ja studiert hatten, doch noch als Tutor arbeiten konnte. Das war kein ständiger Job. Man bekommt eben Geld je nach dem, wie viele Stunden man im Monat unterrichtet hat. Viel Geld ist das nicht, außerdem verdient man nichts während des Sommers. Aber dann schlugen mir meine Vorgesetzten vor, dass ich doch auch einen Orchester-Kurs geben könnte. Sie wussten, dass ich ein Orchester gründen wollte. Das war eine gute Erfahrung, wie sich herausstellte.

Ich fand, dass es an der Zeit war, meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Mir ging es darum, ein Lehrer zu werden, dem die Studenten vertrauen können. Vertrauen aufzubauen zwischen Studenten und Lehrern ist sehr wichtig, finde ich, und ich denke, dass ist die zentrale Sache, auf die man achten sollte beim Umgang mit Studenten. In späteren Blog-Einträgen werde ich noch zurückkommen auf das Thema.

Nun ja, so habe ich dann also mein erstes Jahr nach dem Hochschulabschluss verbracht. Im Sommer drauf waren dann Wahlen, und das hat allen, die arbeitslos waren, wieder neue Hoffnung gegeben. Wer unterrichten wollte, durfte noch einmal die Unterlagen ausfüllen. Dann ging es daran, dass wir uns die Schule aussuchen sollten, wo wir uns bewerben.

Vertrauen zwischen Schülern und dem Lehrer ist sehr wichtig

Weil ich in der Abteilung meines Instituts auf Platz eins stand, sollte ich auch als erster meine Wahl treffen. Ich suchte mir natürlich die beste Schule aus. Aber dann hatte ich plötzlich ein schlechtes Gefühl, dass ich hier im Wettbewerb stand mit meinen engsten Freunden, ein Rennen um Jobs. Ich finde, dieses System ist irgendwie verquer.

Schließlich habe ich dann beschlossen, auf den Vorteil zu verzichten und mich nicht vorzudrängeln vor meine Freunde. Als wir alle zu den Auswahlgesprächen zusammenkamen, fragte man mich, für welche Schule ich mich denn entschieden hätte. Da habe ich dann gesagt, dass ich mir erst eine Schule auswählen würde, wenn alle meine Freunde sich schon für eine Schule entschieden hätten. Das hat die Auswahlkommission natürlich überrascht, die Leute wollten nicht glauben, dass ich das wirklich ernst meinte.  Aber ich bin dabei geblieben. Und habe es bis heute nicht bereut.

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Erstes Assessment Center… https://blogs.dw.com/bildungswege/?p=617 Wed, 09 May 2012 10:26:17 +0000 http://blogs.dw.com/bildungswege/?p=617 Graffiti "Arbeiten gehen"

Naja... leicht gesagt

Am Wochenende habe ich Freunde aus der Schulzeit auf einem Geburtstag wiedergetroffen. Viele aus meinem Freundeskreis haben geistes- oder sozialwissenschaftliche Fächer studiert oder sind noch am Studieren. Einige von ihnen haben relativ schnell Jobs gefunden, bei anderen läuft es zögerlich.

Ich selbst hatte letzte Woche mein erstes Assessment Center (AC) bei einem großen deutschen Unternehmen.  Eine Freundin, die Medizin studiert hatte, konnte mit der Abkürzung AC gar nichts anfangen. „Was ist denn das, ein AC?“, fragte sie mich. Ich beneide sie darum, dass sie als Medizinerin nicht wissen muss, was das ist.

Unternehmen setzen ein Assessment Center ein, um den richtigen Kandidaten für einen Job zu finden. Die Kandidaten werden in vielen Übungen einen ganzen Tag lang getestet. Bei mir standen vor allem Gruppenaufgaben auf dem Programm. Fünf Beobachter haben uns sechs Bewerber dabei ständig im Blick behalten.  Am Ende bekam keiner von uns den Job. Das Beobachter-Team hatte „Interaktion zwischen uns vermisst“. Und deshalb sind wir jetzt alle nicht für die Position geeignet?

Ein langer, einsamer Weg von der Uni in den Job

Auf dem Weg von der Uni in den Job ist man auf sich allein gestellt

Auf einen solchen Bewertungsrahmen hat uns das deutsche Bildungssystem nicht vorbereitet. Und die Frage ist, ob es seine Aufgabe gewesen wäre?

Eine Freundin, die Ägyptologie und Geschichte studiert, wollte mich trösten: „Dann ist das doch auch nicht das Richtige für dich.“ Gleichzeitig ist ihr bange vor dem Start ihrer eigenen Bewerbungen. Sie freut sich, dass sie zuerst noch ihre Magisterarbeit schreiben muss und so noch etwas Zeit gewinnt.

 

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