Job – Bildungswege https://blogs.dw.com/bildungswege Fünf Blogger, fünf Länder, ein Dialog. In diesem Blog diskutieren fünf junge Leute aus Irak, Deutschland, Argentinien, Russland und Kenia über Bildungschancen in ihren Heimatländern und über ihre eigenen Bildungswege. Fri, 20 Jul 2012 11:55:22 +0000 de-DE hourly 1 Lernen, lernen, lernen – überqualifiziert und arbeitslos?! https://blogs.dw.com/bildungswege/?p=1629 Thu, 31 May 2012 12:00:10 +0000 http://blogs.dw.com/bildungswege/?p=1629 Emmy Chirchir

Immer mehr Menschen haben Zugang zu Bildung - Und was dann?

Vor einem Jahr, als ich meine Diplomarbeit fertig geschrieben hatte, begann meine gefürchtete Reise: Ich musste auf Jobsuche gehen. Optimistisch, voller Energie, habe ich das Internet durchstöbert, mein altes Netzwerk zum Leben erweckt und verschiedene Job-Webseiten abonniert. Eigentlich sah alles vielversprechend aus! Mehr als 200 Bewerbungsschreiben später weiß ich jetzt, dass ich nur zu zwei Bewerbungsgesprächen eingeladen wurde und kein einziges Jobangebot bekommen habe! Ganz schön traurig.

Ich erinnere mich oft an ein Lied, das wir als Kinder gesungen haben: „Someni Vijana, Kisha utapata Kazi Nzuri sana.“ Übersetzt bedeutet das: „Geht in die Schule, danach könnt ihr einen guten Job bekommen!“ Dieses Lied sollte die Menschen dazu ermutigen in die Schule zu gehen, damit sie gute Arbeit finden. Doch die Zeiten haben sich geändert!

Eine Hochschulausbildung ist kein Garant mehr für einen Job. Studenten müssen sich auch nach dem Studium weiterbilden, damit sie eine Chance haben.

Ein Grund dafür ist, dass der Arbeitsmarkt diktiert, dass ein Bachelor-Abschluß nicht mehr ausreicht. Der Wettbewerb wird immer größer. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben nicht zur Schule gegangen zu sein oder irgendetwas gelernt zu haben. An der Alliance Française habe ich während des Bachelor-Studiums Französisch gelernt. Ich lerne immer noch Deutsch am Goethe-Institut, und mittlerweile suche ich nach Möglichkeiten zur Promotion. Ein „Master“ scheint ein Muss zu sein. Meine Mutter, mein Bruder und ich haben unsere Master direkt nach dem 4-jährigen Bachelor-Studium gemacht.

Ich frage mich immer wieder, wie viele Qualifikationen man eigentlich noch haben muss? Mein älterer Bruder Fred zum Beispiel hat vier Jahre lang Jura studiert. Danach ging es ein Jahr weiter für ihn an der „Kenya School of Law“. Dieses Jahr ist obligatorisch für alle, die gerne als Anwalt in Kenia arbeiten möchten. Während dieser Zeit hat er parallel auch noch „Human Ressource Management“ an einem örtlichen College studiert. Das ist längst noch nicht alles. Er hat noch ein weiteres Studium abgeschlossen und gerade auch noch seinen Master in „Business Administration“ gemacht. Alles nicht genug für diesen Jobmarkt.

Aber werden wir nicht langsam auch zu alt, wenn wir uns immer weiter nur qualifizieren und fortbilden? Wann wenden wir all diese Fähigkeiten an, die wir uns so hart erarbeitet haben? Es scheint, als sei der aktuelle Arbeitsmarkt gnadenlos und brutal. Wie ein hungriges  „Tier“, das immer und mehr Futter haben möchte. Ich habe gedacht, dass mein Bruder Fred jetzt endlich genug hat von der Lernerei -aber nein: Er möchte wieder an die Uni, etwas Neues studieren.

Emmy Chirchir

Der Wettberwerb auf dem Jobmarkt wird immer größer

Ironischerweise kann man manchmal einen Job nicht bekommen, weil man als überqualifiziert gilt! Ich ärgere mich so oft über unser System hier in Kenia. Die Anforderungen sind hoch, aber es lohnt sich nicht immer, sie zu erfüllen. Auf der einen Seite hat man alle nötigen Qualifikationen. Auf der anderen Seite reicht dem Arbeitgeber die Erfahrung nicht aus. Oder man ist eben überqualifiziert. Was wollen die Arbeitgeben denn? Nur weil diese sich nicht entscheiden können, kommt es dann zur Abwanderung von Fachkräften – dem so genannten ‘Brain Drain.’

Aber die Menschen bilden sich auch noch aus einem anderen Grund weiter fort. Inzwischen gibt es viel mehr Möglichkeiten: Es gibt mehr Universitäten und Hochschulen, die zu ziemlich günstigen Preisen ein Bachelor-oder Master- Studium anbieten. Zudem haben diese Universitäten jetzt auch oft einen Campus außerhalb von Nairobi – also näher an den Menschen dran. Meine Mutter zum Beispiel musste weder ihre Arbeit noch ihre Familie verlassen, um zu studieren. Anstatt zur Universität in die Hauptstadt Nairobi zu gehen, kam die Universität zu ihr.

Die Frage bleibt allerdings, wie die Qualität an so einem Campus auf dem Land gesichert werden kann. Die Studenten dort sollten die gleichen Möglichkeiten geboten bekommen, wie die Studenten in den großen Städten…

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Glück und Pech bei der Jobsuche https://blogs.dw.com/bildungswege/?p=697 Fri, 11 May 2012 13:30:56 +0000 http://blogs.dw.com/bildungswege/?p=697

Jedes Jahr zeigen die Studenten beim Festival des Ranya-Instituts ihr Können

Ich habe Musik studiert am Ranya-Institut der Bildenden Künste und habe im Juni 2008 meinen Abschluss gemacht. Ich war natürlich glücklich, mein Diplom in Händen zu halten. Ich dachte: „Damit hast du gleich im Anschluss einen Job in der Tasche!“ Ich habe dann alle notwendigen Unterlagen ausgefüllt und mich für eine Lehrerstelle an einer Grundschule beworben. Aber dann stellte sich heraus, dass wir, die wir gerade den Abschluss gemacht hatten, kein Glückslos zogen. Und nicht nur in meiner Fachrichtung hatten Absolventen Pech. Es gab einfach keine Jobs im Irak.

Für die Hochschulabgänger wurde es ein sehr langes Jahr.  Aber nicht nur die Uni-Absolventen blickten in eine düstere Zukunft. Auch Schulabgänger,  die zwar keine Hochschulzulassung bekommen aber doch gute Noten auf dem Zeugnis hatten, mussten sich irgendwie durchschlagen. Viele verloren jede Hoffnung, dass es für sie noch eine Zukunft im Irak geben könnte, sie dachten, die Regierung hätte sie schon vergessen. Eine Menge junger Menschen haben deshalb das Land verlassen, viele sind als Flüchtlinge nach Europa gegangen.

Ich hatte mehr Glück als meine Studienkollegen, weil ich am Ranya-Institut, wo wir ja studiert hatten, doch noch als Tutor arbeiten konnte. Das war kein ständiger Job. Man bekommt eben Geld je nach dem, wie viele Stunden man im Monat unterrichtet hat. Viel Geld ist das nicht, außerdem verdient man nichts während des Sommers. Aber dann schlugen mir meine Vorgesetzten vor, dass ich doch auch einen Orchester-Kurs geben könnte. Sie wussten, dass ich ein Orchester gründen wollte. Das war eine gute Erfahrung, wie sich herausstellte.

Ich fand, dass es an der Zeit war, meine Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Mir ging es darum, ein Lehrer zu werden, dem die Studenten vertrauen können. Vertrauen aufzubauen zwischen Studenten und Lehrern ist sehr wichtig, finde ich, und ich denke, dass ist die zentrale Sache, auf die man achten sollte beim Umgang mit Studenten. In späteren Blog-Einträgen werde ich noch zurückkommen auf das Thema.

Nun ja, so habe ich dann also mein erstes Jahr nach dem Hochschulabschluss verbracht. Im Sommer drauf waren dann Wahlen, und das hat allen, die arbeitslos waren, wieder neue Hoffnung gegeben. Wer unterrichten wollte, durfte noch einmal die Unterlagen ausfüllen. Dann ging es daran, dass wir uns die Schule aussuchen sollten, wo wir uns bewerben.

Vertrauen zwischen Schülern und dem Lehrer ist sehr wichtig

Weil ich in der Abteilung meines Instituts auf Platz eins stand, sollte ich auch als erster meine Wahl treffen. Ich suchte mir natürlich die beste Schule aus. Aber dann hatte ich plötzlich ein schlechtes Gefühl, dass ich hier im Wettbewerb stand mit meinen engsten Freunden, ein Rennen um Jobs. Ich finde, dieses System ist irgendwie verquer.

Schließlich habe ich dann beschlossen, auf den Vorteil zu verzichten und mich nicht vorzudrängeln vor meine Freunde. Als wir alle zu den Auswahlgesprächen zusammenkamen, fragte man mich, für welche Schule ich mich denn entschieden hätte. Da habe ich dann gesagt, dass ich mir erst eine Schule auswählen würde, wenn alle meine Freunde sich schon für eine Schule entschieden hätten. Das hat die Auswahlkommission natürlich überrascht, die Leute wollten nicht glauben, dass ich das wirklich ernst meinte.  Aber ich bin dabei geblieben. Und habe es bis heute nicht bereut.

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Erstes Assessment Center… https://blogs.dw.com/bildungswege/?p=617 Wed, 09 May 2012 10:26:17 +0000 http://blogs.dw.com/bildungswege/?p=617 Graffiti "Arbeiten gehen"

Naja... leicht gesagt

Am Wochenende habe ich Freunde aus der Schulzeit auf einem Geburtstag wiedergetroffen. Viele aus meinem Freundeskreis haben geistes- oder sozialwissenschaftliche Fächer studiert oder sind noch am Studieren. Einige von ihnen haben relativ schnell Jobs gefunden, bei anderen läuft es zögerlich.

Ich selbst hatte letzte Woche mein erstes Assessment Center (AC) bei einem großen deutschen Unternehmen.  Eine Freundin, die Medizin studiert hatte, konnte mit der Abkürzung AC gar nichts anfangen. „Was ist denn das, ein AC?“, fragte sie mich. Ich beneide sie darum, dass sie als Medizinerin nicht wissen muss, was das ist.

Unternehmen setzen ein Assessment Center ein, um den richtigen Kandidaten für einen Job zu finden. Die Kandidaten werden in vielen Übungen einen ganzen Tag lang getestet. Bei mir standen vor allem Gruppenaufgaben auf dem Programm. Fünf Beobachter haben uns sechs Bewerber dabei ständig im Blick behalten.  Am Ende bekam keiner von uns den Job. Das Beobachter-Team hatte „Interaktion zwischen uns vermisst“. Und deshalb sind wir jetzt alle nicht für die Position geeignet?

Ein langer, einsamer Weg von der Uni in den Job

Auf dem Weg von der Uni in den Job ist man auf sich allein gestellt

Auf einen solchen Bewertungsrahmen hat uns das deutsche Bildungssystem nicht vorbereitet. Und die Frage ist, ob es seine Aufgabe gewesen wäre?

Eine Freundin, die Ägyptologie und Geschichte studiert, wollte mich trösten: „Dann ist das doch auch nicht das Richtige für dich.“ Gleichzeitig ist ihr bange vor dem Start ihrer eigenen Bewerbungen. Sie freut sich, dass sie zuerst noch ihre Magisterarbeit schreiben muss und so noch etwas Zeit gewinnt.

 

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