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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Gelesen: Heute gehen wir Wale fangen

Sie ist eine Kidnapperin. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Schon einmal hatte mich Birgit Lutz in die Arktis entführt, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte. Jetzt hat sie es wieder getan – diesmal nach Ost-Grönland. Anderthalb Tage lang saß ich gefesselt in meinem Wohnzimmersessel und war kaum ansprechbar. Nachts träumte ich von Grönland. Und konnte mich erst wieder anderen Dingen widmen, als ich die letzte der 437 Seiten von „Heute gehen wir Wale fangen …“  gelesen hatte. Das nenne ich ein gutes Buch.

Welt der Gegensätze

2013 durchquerte die deutsche Journalistin und Abenteurerin Grönland mit Skiern und Schlitten. Als Birgit Lutz am Ende der Expedition im Osten der Insel eintraf, schwor sie sich zurückzukehren, um dort in die Welt der Inuit einzutauchen. Dreimal innerhalb eines Jahres reiste sie nach Ostgrönland, für insgesamt drei Monate. In der Region leben gerade einmal 3000 Menschen – 2000 in der Kleinstadt Tasiilaq, der Rest verstreut in einigen mehr oder weniger verlassenen Dörfern. Lutz schildert eine Welt der Gegensätze: hier eine atemberaubend schöne Natur mit Fjorden, Eisbergen und Nordlicht, dort Müllkippen und verwaiste Militärstützpunkte, die vor sich hin gammeln und rosten; hier lebensfrohe, gastfreundliche Grönländer, dort eine der höchsten Selbstmordraten der Welt und Inuit, die ihre Angst vor der Zukunft mit Alkohol ertränken.

Reisende im besten Sinne

Birgit Lutz spricht nicht nur mit den Ostgrönlandern, sondern teilt auch ihr Leben, geht mit ihnen fischen und Robben jagen, Schlitten fahren, feiert und trauert mit ihnen. Mehr als einmal muss sie dabei über den Schatten ihrer eigenen Sozialisation springen, zum Beispiel wenn sie die gefangenen Fische selbst töten und ausnehmen soll. Die 43-Jährige ist eine Reisende im besten Sinne. Mit aufmerksamen Sinnen und offenem Herz lässt sie sich auf die neue Umgebung und die fremden Menschen ein. Sie trifft einen Jäger, der selbst noch in einem der längst verschwundenen traditionellen Erdhäuser aus Steinen und Torf aufgewachsen ist. Sie spricht mit dem Priester, dem Dorfpolizisten, der Ladenbesitzerin, der zweitjüngsten Abgeordneten des grönländischen Parlaments und vielen anderen.

Es geht um alles

Lutz lässt die Ostgrönländer ausführlich zu Wort kommen, unkommentiert, eins zu eins. Sie erzählen von ihrem Leben, ihren Erwartungen, Ängsten und Träumen. Und ihrer Zerrissenheit: Einerseits lieben sie ihre Heimat, andererseits spüren sie, wie ihnen das traditionelle Leben, das die Inuit seit Jahrhunderten geführt haben, unwiederbringlich durch die Finger rinnt. Selbst weggehen löst den Widerspruch nicht. „Wer von hier fortzieht, der zieht aus einem Zeitalter in ein anderes, und in dem einen Leben ist nichts so wie in dem anderen“, schreibt Birgit Lutz. „Hier geht es um viel mehr als um das Vermissen einer Landschaft. Es geht um alles.“ Eine Kultur stirbt.

Ich kann euch nur raten: Lasst euch auch von meiner Kidnapperin nach Ostgrönland entführen! Ihr werdet viel lernen und möglicherweise auch die eine oder andere vorgefasste Meinung, etwa zu Walfang oder Robbenjagd, revidieren.

Datum

10. Januar 2018 | 13:33

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