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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Shivas Bug

Mick auf „Shivas Bug“

Mick mag keine Achttausender. Erstens herrscht ihm an diesen Prestigebergen zu viel Rummel. Und zweitens dauert eine solche Expedition einfach zu lange. Maximal vier Wochen gönnt sich Mick Fowler pro Jahr, um an den Bergen der Welt zu klettern. Schließlich verdient der Brite sein Geld als Steuerbeamter und hat nicht endlos Urlaub. Jetzt haben Mick und sein Kletterpartner Paul Ramsden in Indien eine neue anspruchsvolle Route eröffnet: Am 6142 Meter hohen Shiva im Bundesstaat Himachal Pradesh meisterten sie als Erste den Nordostgrat. „Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, wie ihr das anstellen wollt“, hatte ihnen der russische Bergsteiger Andrej Muryshev mit auf den Weg gegeben, der vorher an dem Grat gescheitert war. Der Berg war 1988 von einer japanischen Frauenexpedition über eine leichtere Route von Süden her erstbestiegen worden. Zu dem Team hatte auch Junko Tabei gehört, die erste Frau auf dem Mount Everest.

Durchbeißen statt umkehren

Shiva (erinnert ans Matterhorn, oder?)

Mick und Paul brauchten neun Tage bis zum Gipfel und zurück. Anschließend bewerteten sie ihre neue Route „Prow of Shiva“ (Shivas Bug) mit ED +, was für „extrêmement difficile“, also extrem schwer plus ein bisschen steht. „Die Kletterei war ziemlich anspruchsvoll und der Ausgang offen, bis endlich die letzte überhängende Wand hinter uns lag“, berichtet Mick. Der 56 Jahre alte Engländer und sein Landsmann Paul Ramsden sind ein eingespieltes Team. „Wir haben beide eine Familie und einen Vollzeitjob. So sehr wir das Klettern auch lieben, es ist nicht das Einzige in unserem Leben“, beschreibt Mick die Gemeinsamkeiten. Auch als Bergsteiger ticken sie laut Fowler gleich: „Wir sind uns einig, dass auf einer schweren Route eben auch grimmige Bedingungen herrschen können und dass wir uns durchbeißen sollten – es sei denn, es gibt einen sehr triftigen Grund umzukehren.“ Auf das Konto der beiden gehen bereits einige spektakuläre Erstbegehungen. 2002 etwa durchstiegen Mick und Paul erstmals die Nordwand des 6250 Meter hohen Siguniang im Westen Chinas. Dafür erhielten sie den Piolet d’Or, den Oscar der Bergsteiger. 

Erste Bahnhofs-Winterbesteigung 

Mick (r.) und Paul auf dem Gipfel

Immer wieder sucht Mick nach Bergen wie dem Siguniang oder Shiva, 6000 bis 7000 Meter hoch. „Mein ideales Ziel ist eine technisch anspruchsvolle, sichere, auffällige Linie, die direkt zum Gipfel eines markanten Bergs führt. Der sollte in einem kulturell interessanten Gebiet liegen, das ich vorher noch nie besucht habe. Und am besten auch kein anderer Bergsteiger.“ Mit Einschränkungen galt das auch für Fowlers kuriose „ erste Winterbesteigung“ des Londoner Bahnhofs St Pancras, mit der es Mick vor einem Vierteljahrhundert sogar auf die Titelseite des „Daily Telegraph“ schaffte. Unter einem undichten Abflussrohr einer Bahnhofstoilette hatte sich ein 20 Meter hoher Eisfall gebildet. Als Sicherungspunkt am Boden musste eine Parkuhr herhalten. Mick und zwei Freunde kletterten den stinkenden Eisfall hinauf. „Oben war es schon ein bisschen unangenehm“, erinnert sich Mick. „Aber wir zogen es durch.“

P.S. Eine weitere spektakuläre Erstbegehung gelang in diesem Herbst den jungen Slowenen Nejc Marcic und Luka Strazar. Sie durchstiegen erstmals die Westwand des 7090 Meter hohen Janak Chuli, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Achttausenders Kangchendzönga liegt. Die Slowenen waren in diesem Jahr für ihre Erstbegehung der K 7-Westwand im Karakorum mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet worden.

Datum

19. November 2012 | 17:00

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