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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Es war einmal … der Hillary Step

Hillary Step 2017

Der dicke Brocken ist weg. So viel steht fest. Tim Mosedale, sechsmaliger Everest-Besteiger aus Großbritannien, hat auf Facebook noch einmal einige Bilder nachgelegt, um seine These zu untermauern, dass der Hillary Step, jene markante, zwölf Meter hohe Felsstufe auf 8790 Meter Höhe, in seiner bisherigen Form nicht mehr existiert. Tims Bilder zeigen: Wo einst ein mächtiger Felsbrocken das letzte ernsthafte Hindernis vor dem Gipfel darstellte, liegen jetzt nur noch ein paar Bröckchen herum. Das hatte der britische Expeditionsleiter bereits Mitte Mai nach seinem erfolgreichen Gipfelversuch behauptet: „Es ist offiziell. Der Hillary Step ist nicht mehr.“

Regierung spricht von Missverständnis

Hillary Step 2009

Mosedale musste sich anschließend einiges anhören. Vor allem aus Nepal wurde ihm vorgeworfen, er verbreite „Fake News“. Die nepalesische Regierung äußerte sich sogar ganz offiziell. Man habe sich bei den „Icefall Doctors“, den hoch spezialisierten Sherpas am Everest, erkundigt, hieß es in einer Pressemitteilung des Tourismusministeriums: „Der Bericht der Icefall Doctors bestätigt, dass der Hillary Step noch intakt und mit Schnee bedeckt ist. Das Missverständnis mag entstanden sein, weil die neue Route rund fünf Meter rechts der Originalroute angelegt worden ist.“

Letzteres stimme, sagt Mosedale. „Aber es war nur weiter rechts, weil der Hillary Step nicht da war und wir stattdessen über den Schneegrat aufstiegen.“ Rückendeckung erhält der Brite von anderen Bergsteigern, die in diesem Frühjahr am Gipfel waren, wie dem US-Expeditionsleiter Garrett Madison. „Es ist ziemlich offensichtlich, dass der Brocken heruntergestürzt ist und jetzt an der Stelle Schnee liegt“, sagte Madison dem Magazin „Outside“. „Einige der Felsen darunter sehen aus wie vorher, aber der dicke Brocken fehlt jetzt.“

Folge des Erdbebens von 2015?

Hillary Step 2017 (Nahaufnahme)

Das erleichterte in der kürzlich zu Ende gegangenen Frühjahrsaison, in der im Gipfelbereich relativ viel Schnee lag, den Aufstieg. Welche Folgen die Veränderung des Geländes in schneearmen Jahren hat, in denen sich kein breiter Schneegrat bildet, wird sich zeigen.

Bereits 2016 hatten Bergsteiger berichtet, dass der Hillary Step anders aussehe als vor dem verheerenden Erdbeben, das Nepal vor zwei Jahren erschüttert hatte. Gut möglich, dass sich der dicke Brocken wirklich während des Bebens gelöst hat. Gipfelanwärter, die sich am 25. April 2015 im Tal des Schweigens aufhielten, beobachteten Steinschlag von Everest und Lhotse.

Letzte Schlüsselstelle vor dem Gipfel

Hillary Step 2013

Der Hillary Step ist mehr als nur ein Stück Berg, er ist ein Mythos. Kletterexperten ordnen die Felsstufe zwar nur irgendwo zwischen dem ersten und zweiten Schwierigkeitsgrad nach der Skala des Weltverbands der Bergsteiger und Kletterer (UIAA) ein. Doch in dieser extremen Höhe, wo der Sauerstoff nur noch mit einem Drittel des Drucks in die Lungen gepresst wird wie auf Meereshöhe, wird selbst diese Kletterei, die man in den Alpen unter Umständen belächeln würde, zu einer echten Herausforderung. Nicht umsonst bildeten sich früher am Hillary Step lange Schlangen, weil viele Kunden kommerzieller Expeditionen damit schlicht überfordert waren. Bei der Erstbesteigung 1953 hatte der Neuseeländer Edmund Hillary sein Herz in beide Hände genommen und war durch einen dünnen Riss zwischen Fels und Eis nach oben geklettert. „Danach realisierte ich erstmals, dass wir es auf den Gipfel schaffen würden“, sagte einst der Everest-Pionier über die letzte Schlüsselstelle, die nach ihm benannt wurde. Der Neuseeländer starb 2008 im Alter von 88 Jahren.

Zorn der Götter

Südseite des Mount Everest

Berge sind seismischen Aktivitäten und dem Klima ausgesetzt, können sich somit auch verändern. Felsstürze kommen überall auf der Welt vor. So verlor der Mount Cook, der höchste Berg Neuseelands, 1991 deutlich an Höhe, als Fels und Eis im Gipfelbereich abbrachen. Warum also sollte es nicht auch den Mount Everest erwischen können? Die Sherpas nennen den höchsten aller Berge Chomolungma, „Göttinmutter der Erde“. Naturereignisse wie Felsstürze oder Lawinen werden in ihrem Glauben als Zeichen dafür gewertet, dass die Menschen den Zorn der Götter auf sich gezogen haben. Vielleicht erklärt das, warum sich viele in Nepal so schwer damit tun, dass der Hillary Step nicht mehr so aussieht wie zuvor.

Datum

13. Juni 2017 | 15:49

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