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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Gelesen: Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod

Ein Buch wie eine Direttissima durch eine Felswand – immer geradeaus, keine Ausflüchte, keine Kompromisse. Tamara Lunger mag vieles sein, aber sicher keine Diplomatin. „Ehrlichkeit“, schreibt die 31 Jahre alte Extrembergsteigerin aus Südtirol, stehe „ganz oben auf der Liste der Dinge, die für mich eine Bedeutung haben“. Das dürfte einerseits den Umgang mit ihr nicht immer bequem machen, andererseits wird wohl niemand behaupten können, er wisse nicht, woran er bei ihr sei. Das gilt auch für „Meine Glückseligkeit an der Grenze zum Tod“, Tamaras erstes Buch, dessen Lektüre ich euch – trotz des etwas sperrigen Titels – unbedingt empfehle. Weil es spannend, gut geschrieben und eben grundehrlich ist.

Gott im Ohr

Erfolgsteam: Alex, Tamara, Simone, Ali (v.l.)

Tamara Lunger ist die Fast-Wintererstbesteigerin des Nanga Parbat. Nur 70 Meter unter dem 8125 Meter hohen Gipfel in Pakistan kehrt sie um, weil ein Satz „dröhnend meinen Geist umschließt“, wie die Südtirolerin schreibt: „Wenn du auf den Gipfel steigst, wirst du nicht mehr nach Hause kommen …“.  Es geht ihr schlecht an diesem 26. Februar 2016. Alles, was sie isst oder trinkt, erbricht sie sofort wieder. Trotzdem kämpft sie sich weiter hoch – bis zu dem Umkehrpunkt knapp unterhalb des Gipfels. Gott habe in diesem Augenblick zu ihr gesprochen, ist Tamara überzeugt. Sie steigt ab – auch um ihre Teampartner Simone Moro, Alex Txikon und Muhammad Ali „Sadpara“, die an diesem Tag den Gipfel erreichen und Alpingeschichte schreiben, nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Zwischen Leben und Tod

Tamara Lunger

Kurz vor dem letzten Hochlager rutscht Tamara nach dem Sprung über eine Gletscherspalte aus und stürzt den steilen Hang hinab. Sie sieht dem Tod ins Auge. „Im Grunde habe ich immer gewusst, dass es eines Tages passieren könnte und jedes Mal, wenn ich auf Expedition gehe, bereite ich mich darauf vor. Aber meine Liebe zu den Bergen ist viel stärker. Die Berge geben mir so viel, um nicht zu sagen alles, und im Gegenzug bin ich bereit, für all dies zu sterben“, beschreibt Lunger diesen Moment zwischen Leben und Tod. „Ich schreie nicht, fluche nicht, ich stürze, aber in meinem Innern bin ich unbeschwert und gelassen.“

Dominante Liebe

Die Winterexpedition zum Nanga Parbat steht im Mittelpunkt von Tamaras Buch, doch der Leser erfährt auch, warum sie so geworden ist, wie sie heute ist. Offen beschreibt sie, wie sie als Kind eine Riesenangst vor Männern hatte; wie sie lernen musste, mit ihrem unbändigen Ehrgeiz umzugehen; wie schwer sie sich mit Beziehungen tut, weil ihre Liebe zu den Bergen so dominant ist. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ein weiteres Zitat einfügen, lasse es aber. Lest das Buch doch einfach selbst! Es lohnt sich. Ehrlich!

Datum

6. Dezember 2017 | 20:09

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