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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Unglücklich gelaufen

Hannes Künkel auf dem Great Himalayan Trail

Nicht nur die Winterexpeditionen am Mount Everest und am Manaslu sind gescheitert. Auch ein anderes Winterprojekt verlief nicht gerade so wie geplant. Hannes Künkel und sein nepalesischer Freund Pemba Jangbu Sherpa brachen ihren Versuch ab, die höchstgelegene Route des Great Himalayan Trail erstmals im Winter zu bewältigen: der Deutsche nach rund 130 Kilometern, Pemba nach etwa 220 Kilometern, aus unterschiedlichen Gründen. „Ich habe mit allen expeditionstypischen Ereignissen gerechnet, einschließlich Erdbeben“, erzählt mir Hannes, „aber nicht damit, dass mich so eine ‚Lappalien-Krankheit‘ wie Durchfall rausschmeißt.“

So weit wie möglich

Zunächst Traumwetter

Eigentlich hatten sich die beiden vorgenommen, in 50 Tagen mit ihrem Sherpa-Team so weit wie möglich nach Westen vorzudringen: Vom äußersten Osten Nepals, an den Achttausendern Kangchendzönga, Makalu und Everest vorbei, zunächst Richtung Rolwaling. Schon bis dorthin hätte das Wintertrekking über mehr als 22.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg geführt, über zwei Pässe höher als 6000 Meter und vier mehr als 5000 Meter hohe Übergänge. Insgesamt ist der Great Himalayan Trail allein in Nepal über 1500 Kilometer lang.

Doppelt krank

Schwer gezeichnet

Anderthalb Jahre hatten der 35 Jahre alte Deutsche und sein 31 Jahre alter nepalesischer Freund das Projekt geplant. Doch nach drei Wochen erwischte es Hannes Künkel. Plötzlich fühlte er sich schlapp, dann setzte der Durchfall ein. Künkel musste sich mit dem Hubschrauber nach Kathmandu ausfliegen lassen. Die Diagnose der Ärzte im Krankenhaus: akute Lebensmittelvergiftung, dazu eine Infektion durch Parasiten. „Mir hat es nicht gepasst, zehn Tage in Kathmandu herumzusitzen“, räumt Hannes ein. „Am dritten Tag habe ich gedacht: Wie soll ich das nur aushalten? Aber dann habe ich mich darauf eingelassen und die Dinge akzeptiert.“

Lieber die einfachste Route

Derweil versuchten Pemba und die anderen Sherpas, den Weg fortzusetzen. „Ich fand den Entschluss des Teams total klasse“, erinnert sich Hannes. „Dass sie gesagt haben: Es kann nicht sein, dass wir unser Projekt aufgeben, nur weil ich krank werde.“

Hannes (3.v.r.), Pemba (l.) und ihre Mitstreiter

Künkel bezeichnet sich selbst „eher als klassischen Himalaya-Reisenden und -Forscher, der Schwierigkeiten, die das alpine Gelände stellt, gerne in Kauf nimmt und auch mal aufsteigt, um einen tollen Ausblick zu haben, aber der sich bemüht, die einfachste Route zu gehen.“ Künkel, ein gebürtiger Hamburger, lebt mit Frau und zwei  Kindern in Göttingen. Dort leitet der studierte Geograf eine auf Outdoor spezialisierte Marketing- und Filmproduktionsfirma. Ein großer Bergsteiger sei er nicht, sagt Hannes – auch wenn er als Filmer schon an zwei Achttausender-Expeditionen teilgenommen hat: 2013 zum Manaslu, wo er bis auf über 6000 Meter aufstieg, und 2015 auf die tibetische Nordseite des Mount Everest, wo das verheerende Erdbeben in Nepal zum vorzeitigen Ende der Saison führte.

Jetzt auch Unternehmer

Pemba Jangbu Sherpa (2.v.l.)

Am Everest lernte Künkel Pemba Jangbu Sherpa kennen, einen richtig guten Bergsteiger. Pemba hat bereits den Mount Everest bestiegen und auch Erfahrung an den Achttausendern K 2, Makalu, Manaslu, Cho Oyu und Shishapangma gesammelt. „Er ist ein ganz vorsichtiger und erfahrener Höhenbergsteiger, gleichzeitig aber auch ein richtiger Witzbold“, schwärmt Hannes. „Ein Klassetyp. Ich vertraue ihm.“

Künkels Eindruck kann ich übrigens bestätigen. Bei der AMICAL-Expedition zum 7246 Meter hohen Putha Hiunchuli im Herbst 2011 – bei der ich selbst 150 Meter unterhalb des Gipfels umgekehrt war – hatte Pemba Jangbu sich als leistungsstark und immer gut gelaunt präsentiert. Der verheiratete Vater zweier Kinder hat sich inzwischen selbstständig gemacht: In Kathmandu leitet er seit 2016 den Expeditions- und Trekkingveranstalter International Altitude Mountaineering (IAM).

Richtige Entscheidung

Hüfthoher Schnee

„Natürlich gibt es zwischen uns auch eine geschäftliche Ebene, schließlich arbeitet er für mich“, sagt Hannes. „Aber in erster Linie sind wir Freunde.“ Und mit einem nepalesischen Freund unterwegs zu sein, sei eine neue und sehr schöne Erfahrung gewesen. Das habe er bei seinen 13 vorhergehenden Nepal-Reisen so noch nicht erlebt.

Eigentlich wollte Künkel nach überstandener Krankheit wieder zum Team zurückkehren. Doch die Wetterlage hatte sich inzwischen dramatisch verschlechtert. „Die Jungs sind am Schnee gescheitert, in Höhen, in den Pemba und ich nicht damit gerechnet hätten: zwischen 2500 und 3000 Metern“, berichtet Hannes. „Der Schnee lag in den Nordhängen der steilen Täler teilweise hüfthoch. Die Wege waren kaum noch zu erkennen und lawinengefährdet.“ Pemba beschloss, das Projekt abzubrechen. „Wäre ich dabei gewesen, hätte ich dieselbe Entscheidung getroffen, nur wahrscheinlich schon einen Tag früher“, sagt der deutsche Abenteurer.

Nichts übers Knie brechen

„Es sollte diesmal nicht sein. Aber wir haben das Beste daraus gemacht“, bilanziert Hannes. Er sei nicht mit leeren Händen heimgekehrt: „Ich habe Geduld gelernt. Dass man nichts übers Knie brechen kann. Diese Erfahrung habe ich herüberretten können.“ Künkel hat noch keine konkreten neue Pläne, doch wird die etwas unglücklich verlaufene Winterexpedition auf dem Great Himalayan Trail wohl nicht sein letztes Projekt in Nepal gewesen sein. „Irgendwie zieht mich der Himalaya immer wieder an“, sagt Hannes.

Datum

15. März 2017 | 0:47

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