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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Der Balanceakt der Frauen zwischen Beruf und Familie

Carolina erkämpfte sich dank einer Ausbildung mehr Freiheiten

Letzten Sonntag habe ich bei den Eltern meines Freundes zu Abend gegessen. Wir sitzen öfters zu viert zusammen und ich höre gerne zu, wenn Carolina, Diegos Mutter, von den ersten Verabredungen mit Horacio, seinem Vater, erzählt. Nicht allein deshalb, weil Liebe und Romantik im Spiel waren. Ihre Geschichte beschreibt auch, wie sie sich ein Stückchen Unabhängigkeit gesichert hat und wie sie ihren ersten Job bekam.

Carolina ist 65 und stammt aus Italien. Sie kam im Alter von sieben nach Argentinien. Gemeinsam mit sechs Geschwistern, Mutter, Vater und weiteren Familienmitgliedern. Die Familie wollte der Armut entkommen. Carolina sprach kein Spanisch, ihre Eltern konnten ihr nicht bei den Hausaufgaben helfen, weil sie die Sprache auch nicht beherrschten. Sie wurde erst spät eingeschult, und als sie die Schule nach der sechsten Klasse verließ, war sie 15 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Filomena sollte sie zu Hause bleiben und „all diese dummen Arbeiten erledigen, die man Frauen zuschiebt: Blaumänner bügeln und anderen Mist.“

Filo hatte sie bekniet, die Hausarbeit mit ihr gemeinsam zu übernehmen, weil im Haushalt eine Menge Männer zu versorgen waren. Aber Carolina begann stattdessen eine einjährige Ausbildung zur Kosmetikerin und fand gleich im  Anschluss eine Stelle in der Nachbarschaft. Außer ihrer Mutter durfte niemand wissen, dass sie arbeiten ging – Arbeit galt damals als reine Männersache. Carolina gab ihrer Mutter ihren ganzen Verdienst und unterstützte so die Familie, die dennoch aus der Armut nicht herauskam.

Im Rückblick auf ihr Leben und das ihrer Schwester damals, sagt Carolina. „Ich hatte eine Wahl, ich habe einen guten Mann geheiratet! Meine Schwester nicht. Sie musste den heiraten, den sie kriegen konnte, um aus der Familie herauszukommen.“

Heute liegen die Dinge anders. Der Zugang zu Hochschulen ist heute nicht mehr abhängig vom Geschlecht, sondern vom wirtschaftlichen Hintergrund. Frauen der Mittelschicht studieren nicht nur, sie machen auch Karriere. Aber die Entwicklung dorthin verlief – seit Carolina begann, zu arbeiten – sehr langsam. Meine Mutter gehört mit ihren 55 Jahren zur ersten Generation von Frauen in ihrer Familie, die einen Universitätsabschluss gemacht haben. Aber in den Gehältern liegen noch immer große Unterschiede: Der Verdienst einer Frau liegt – bei identischer Tätigkeit – 35 Prozent unter dem eines Mannes. Und in manchen Arbeitsbereichen finden sich keine Frauen in Führungspositionen (wie Kathrin es am Beispiel Deutschlands beschreibt).

Kind oder Beruf: Noch immer eine Entscheidungsfrage für Frauen

Heute gibt es viele gebildete Frauen, die Karriere machen und ambitioniert sind. Aber es gibt auch viele Männer und Frauen, die von Frauen erwarten, dass sie Kinder bekommen und zu Hause bleiben, um sie zu betreuen. Der Beruf und soziale Verträge sorgen dafür, dass es Ungerechtigkeiten zwischen Jungen und Mädchen gibt. Als Frau, die möglicherweise auch einmal Mutter werden möchte, frage ich mich, ob mich ein Baby davon abhalten wird, das zu tun, was ich liebe. Einige Hürden setzt das argentinische Arbeitsrecht. Aber auch Denkblockaden müssen beseitigt und gut ausgebildete Frauen mit Verantwortung ausgestattet werden. Um den Frauen diesen Platz einzuräumen, bedarf es eines Zusammenspiels von Familie, Gesellschaft und Kollegen.

 

Datum

Samstag, 19.05.2012 | 13:00

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