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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Können Gesetzesänderungen Vorurteile aufheben?

Estafanía, Mariana and Clara - my German classmates (Foto: Maria Cruz).

Estafanía, Mariana and Clara aus meinem Deutschkurs

Während einer Pause meines Deutschkurses vergangenen Samstagmorgen diskutierte ich mit den anderen Teilnehmerinnen, wie Berufe, die früher vorwiegend Männern vorbehalten waren, heute von Frauen ausgeübt werden. Ganz ohne Spannungen verläuft das nicht und macht umso mehr deutlich, wie dringend wir eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung brauchen (siehe dazu auch meinen vergangenen Eintrag).

Diese subtile Antipathie begegnet Frauen jeden Tag. Ein Beispiel: Mariana studiert Biologie. Sie erzählte mir, wie sie im Physikkurs einmal die Aufgabe bekam, einen Schaltkreis zu bauen. Der Lehrer kommentierte die Aufgabenstellung: „Mal sehen, ob die Frauen das hinkriegen.“ Er ging wie selbstverständlich davon aus, dass das nur „was für Männer“ sei.

Diese verzerrte Wahrnehmung zieht sich durch alle Generationen. Estefania beispielsweise studiert Lebensmitteltechnik. Auch sie erzählte mir von den Gruppenarbeiten in ihrem Seminar zu Elektronik und Magnetismus. Und wie ihre männlichen Kommilitonen sie ausschlossen, in der Annahme, dass sie das nicht kann.

„Einer meinte sogar zu mir, er verstehe gar nicht, warum Frauen überhaupt studieren – wenn doch ihre Ehemänner für sie sorgen können“, sagte sie. Solchen Argumenten sind Frauen in Argentinien tagtäglich ausgesetzt. Dabei handelt es sich sowohl um ein individuelles als auch um ein strukturelles Problem. Die pharmazeutische und biochemische Fakultät der Universität von Buenos Aires zum Beispiel hat nur eine einzige Damentoilette im gesamten Gebäude. In jeder Pause bildet sich davor lange Schlange.

Ähnliches gilt für die Berufsauswahl, die oft von den zu erwartenden Gehältern bestimmt wird. Vor 30 Jahren verdienten beispielsweise Ärzte in Argentinien sehr viel Geld. Heutzutage gilt das allerdings nicht mehr. „Und das ist der Grund, warum fast ausschließlich Frauen Medizin studieren”, kommentierte mein Vater während unseres Mittagessens.

Meine Schwester Pilar und ihre Kommilitoninnen im Neonatologie-Kurs (Foto: Maria Cruz).

Meine Schwester Pilar und ihre Kommilitoninnen im Neonatologie-Kurs

„Was meinst Du damit?“ fragte ich. „Na, es scheint ja offensichtlich so zu sein, dass Männer sich für einen Beruf entscheiden, der sich auch auszahlt”, sagte meine Schwester.  Was mich daran am meisten schockierte war, mit welcher Selbstverständlichkeit sie das sagte: Männer sollen das Geld nach Hause bringen; Frauen dürfen zwar studieren – aber deswegen noch lange nicht gut verdienen?

Das sind die täglichen Kämpfe, mit denen wir Frauen es in Argentinien aufnehmen müssen. Obwohl wir Zugang zu Bildung haben, müsste noch jede Menge getan werden, damit die Berufswelt gerechter wird.

Zum einen glaube ich, dass wir eine veränderte Gesetzgebung bräuchten, die Frauen und Männer bereits bei der Familiengründung gleichstellen. Nehmen wir zum Beispiel den Mutterschaftsurlaub: Heutzutage bekommen Schwangere nur einen sehr kurzen Zeitraum zugesprochen. Wie anders wäre es, wenn der Partner dabei berücksichtigt werden würde? Gesetzesänderungen würden nicht nur die Umstände ändern, sondern auch die Werte und Vorstellungen innerhalb der Gesellschaft. Es ist ein weiter Weg, aber ich glaube, dass die ersten Schritte schon gemacht sind: Frauen können studieren – und kämpfen anschließend für eine Gleichberechtigung in der Berufswelt.

Datum

Dienstag, 22.05.2012 | 11:00

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2 Kommentare

2 Kommentare

  • Hallo María,

    ich finde deinen Blog-Eintrag wieder sehr interessant! Vor allem dein Beispiel mit der Damentoilette verdeutlicht, an welchen einfachen Dingen es hapern kann. In meinem nächsten Eintrag am Donnerstag werde ich noch ein wenig mehr auf die Situation in Deutschland eingehen, z.B. auch darauf, dass Mütter UND Väter hier in Elternzeit gehen können.

    Eines möchte ich aber an dieser Stelle zu dem Thema „Gesetze“ noch sagen: In Deutschland ermöglichen Gesetze zwar zum Teil eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und geben den gesetzlichen Rahmen für einen Wiedereinstieg in die Karriere vor. Auf der anderen Seite gibt es aber Pläne ein Betreuungsgeld einzuführen, das Eltern finanziell unterstützt, wenn sie sich zu Hause um ihre Kinder kümmern anstatt ihr Kind in einen Kindergarten zu geben (siehe Beitrag: http://mediacenter.dw.com/german/video/item/467013/Koalition_streitet_%C3%BCber_Betreuungsgeld/).

    Hierzu gibt es heftige Diskussionen. Schließlich lohnt es sich dann für Frauen, die in schlechtbezahlten Berufen sind, finanziell noch weniger, arbeiten zu gehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Menschen, denen es finanziell schlecht geht und deren Kinder besonders von einer professionellen Betreuung und dem Zusammensein mit anderen Kindern profitieren könnten, ihre Kinder nicht mehr in einen Kindergarten geben; und zwar nicht deshalb, weil sich die Eltern aus eigener Überzeugung freiwillig dazu entscheiden, sondern weil sie auf das ihnen angebotene Geld nicht verzichten können. Ich denke, dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass ein Staat Möglichkeiten hat Impulse sowohl in die eine als auch in die andere Richtung zu geben.

    Wie sieht es denn in Argentinien mit der Betreuung von Kleinkindern aus? Gibt es ausreichend Kindergartenplätze? Und kosten diese Geld?

  • Hi Kathrin!
    Thank you for the comment (sorry for not answering in German… I’m working on that ;-))
    There are nurseries in Argentina, the problem is that they cost a lot of money.
    Women can take up to a three months leave in Argentina, according to working legislation. Some private companies allow women to take more time, but the extra months are considered „unpaid leave“. So the partner should have a very good job in order to be able to support woman and child.
    We do have something like childcare allowance in Argentina. It is called „Asignación universal por hijo“ (Universal Allowance per Offspring). It is a small amount of money – AR (Argentine Peso) 270 a month, AR 1080 if the kid is disabled – given to unemployed, unregistered workers (whose wage is less than minimun wage) or people working in domestic service. It is very little money, in order for you to get an idea, a nursery costs about AR 500 to AR 700, so it is considered to be for the rich people. This AR 270 are aimed at keeping poor kids off the streets, where they spend a large part of the day begging for money.

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