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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Von Rabenmüttern und unmännlichen Vätern

Verkehrsschild für Fußgänger, Mutter mit Kind (Foto: Kathrin Biegner).

Verkehrsschild mit Vorurteil: Wo sind die Väter?

María hat meinen Eintrag vom 14. Mai kommentiert: Sie zeigte sich überrascht über meine Beschreibung von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Tatsächlich haben mich diese Zahlen selbst überrascht, als ich sie zum ersten Mal hörte. Insbesondere da ich persönlich noch nie wegen meines Geschlechts diskriminiert worden bin. Auch meine Eltern behandeln meinen Bruder und mich gleich. Unterschiede fallen mir höchstens bei Familienfesten auf, die nämlich hauptsächlich von Frauen vorbereitet werden. Männer über 30 lassen sich selten in der Küche blicken. Damit kann ich aber leben. Schließlich helfe ich im Gegenzug ja auch nicht, wenn Bauarbeiten anstehen.

María hat recht damit, dass die deutsche Gesetzgebung Eltern viele Möglichkeiten bietet, damit sie sich gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern können. Es gibt auch immer mehr Väter, die diese Möglichkeiten auch nutzen. Mütter oder Väter, die in Elternzeit gehen, haben das Recht ihre Stelle bis zu drei Jahre nach der Geburt ihres Kindes wieder aufzunehmen. Diese Zeit können sie auch unter sich aufteilen. Viele Eltern können auch eine weitere Möglichkeit nutzen: Teilzeit-Arbeit.

Soweit die Theorie, die Praxis sieht leider meistens anders aus. Einige Arbeitsstellen haben zum Beispiel derart hohe Ansprüche, dass sie von einem Arbeitnehmer in Teilzeit nicht erfüllt werden können. Außerdem ist es schwierig, Veränderungen in einem Unternehmen oder einer Branche zu verfolgen, wenn man mehrere Jahre in Elternzeit ist.

Kathrin Biegner auf einem Spielplatz (Foto: Kathrin Biegner).

"Väter werden als 'unmännlich' angesehen, wenn sie in Elternzeit gehen."

Zudem gibt es kulturelle Barrieren. Frauen haben oft Angst davor, als „Rabenmutter“ zu gelten, wenn sie arbeiten gehen, anstatt sich um die Familie zu kümmern. Väter hingegen müssen manchmal mit gegensätzlichen Vorurteilen kämpfen: Sie werden als „unmännlich“ angesehen, wenn sie in Elternzeit gehen, da sie dann traditionell weibliche Aufgaben übernehmen und ihre „männliche Pflicht“ – Geld zu verdienen – scheinbar vernachlässigen.

Hinzu kommt, dass Männer oft mehr verdienen als ihre Ehefrauen, so dass es finanziell schwierig für eine Familie werden könnte, wenn der Vater in Elternzeit geht. Denn zum einen arbeiten Männer generell oft in Branchen, in denen höhere Gehälter gezahlt werden, zum anderen verdienen Männer in Deutschland für dieselbe Arbeit acht Prozent mehr als eine gleich qualifizierte Frau. Ein Blick auf die Statistik zu den generellen Gehaltsunterschieden in Deutschland ergibt schließlich: Frauen verdienen 23 Prozent weniger als Männer. Wie María in ihrem Kommentar schreibt, sollten wir uns – verglichen mit Argentinierinnen – dennoch glücklich schätzen: In ihrem Heimatland liegt der Unterschied bei bis zu 35 Prozent.

Unterschiede gibt es übrigens auch in Deutschland selbst, und zwar weiterhin zwischen Ost und West. In der DDR war es üblich, dass Frauen zur Arbeit gingen und dementsprechend gab es auch ein gut ausgebautes Kinderbetreuungssystem. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde das westliche Bildungssystem in Ostdeutschland eingeführt. Kulturelle Einstellungen verändern sich aber scheinbar nicht so schnell. Auch heute noch arbeiten in Ostdeutschland mehr Frauen als in Westdeutschland.

Datum

Mittwoch, 23.05.2012 | 16:00

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