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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Die Akzeptanz für Musik im Irak wächst!

Hellgurd Ahmed

Eine Freundin und ich beim Instituts Festival

In meinem letzten Eintrag  habe ich euch von den Problemen an den irakischen Kunsthochschulen berichtet. Im vergangenen Jahrzehnt haben die Menschen in Kurdistan meiner Meinung nach ein besseres Verständnis für Kunst entwickelt. Aber ganz besonders für Musik. Das gilt leider nicht für alle Regionen meiner Heimat. Es gibt sogar Familien, die ihren Töchtern nicht erlauben Musik zu studieren. Manche verbieten es auch ihren Söhnen, weil sie denken, dass es mit der Religion nicht zu vereinbaren ist und, dass es unangemessen sei Musik zu machen.


Diese Einstellung teilen besonders viele Menschen auf dem Land, aber auch Menschen, die vom Land in kleinere Städte gezogen sind oder einfach nur konservativ sind. Ich kenne einen berühmten kurdischen Musiker, der fünf Jahre lang weit weg von seinem Heimatort Musik studiert hat und seinem Vater keinen Ton davon erzählt hat. Erst nachdem er seinen Abschluss gemacht hat, hat sein Vater es herausgefunden. Hätte er es früher erfahren, hätte er seinem Sohn das Studium verboten.

Als ich begonnen habe Musik zu studieren, habe ich an einem Ort gelebt, an dem Musik und Musiker abgelehnt wurden. Sogar meine engsten Freunde haben mich und mein Hobby ausgelacht. Aber ich habe immer an mich und meine Stärke geglaubt. Ich wusste einfach, dass ich dem gesellschaftlichen Druck nicht nachgeben will und auch nicht werde. Was mich allerdings rasend gemacht hat, war zu sehen, dass die Menschen bei uns kurdische Musik im Fernsehen oder im Radio richtig genossen haben. Ich habe deshalb nie verstanden, warum sie einerseits Musik hörten, aber andererseits dagegen sind? Ich habe dann rausgefunden, dass es dabei meistens um die Religion ging. Ich habe mich daran erinnert, dass die islamischen TV Sender keinerlei Musik für ihre Sendungen genutzt haben, Nachrichten ausgenommen. Aber mit der Zeit haben die Sender das verändert.

Diese Veränderung hat dazu beigetragen, dass die Menschen ihre Einstellung zu Musik überdacht haben. In Städten wie Erbil, Sulaymaniya und Dohuk hatte die Bevölkerung schon lange eine andere Meinung dazu. Diese Städte haben eine lange Geschichte des Kampfes hinter sich. Sie haben viele Opfer bringen müssen, um dem sozialen Druck entgegenzuwirken.

Hellgurd Ahmed

Mein Bruder Chia am Kontrabass

Ich hatte Glück: Meine Familie war schon immer anders. Meine Eltern stammen beide aus einem Dorf nahe der iranischen Grenze. Mein Vater musste wegen der politischen Situation die Schule nach der Grundschule verlassen. Anstatt zu studieren, ist er in den Krieg gezogen. Aber trotzdem konnte er seine künstlerischen Fähigkeiten ausbauen: Er singt, malt, hat eine wunderschöne Handschrift und spielt ein kurdisches Instrument mit dem Namen „Shimshal“.

Eigentlich ist aber mein kleiner Bruder der Glückliche in der Familie. Auf dem Gymnasium war er eher faul und es war ein ziemlich großer Akt für ihn die Schule zu beenden. Dann hat er sich für ein Studium der Musik an der Kunsthochschule beworden. Und als er anfing, stellte sich heraus, wie talentiert er eigentlich ist. Er hat sich für den Kontrabass entschieden. Viele Leute hier in Kurdistan kennen das Instrument gar nicht. Und manchmal muss er wirklich doofe Fragen beantworten: Wie kannst du diesen Klang nur mögen? Kann man damit auch Boot fahren? Warum hast du dich überhaupt dafür entschieden? Ist es vielleicht eine Geige, die im Wasser einfach nur aufgequollen ist?

Was soll ich dazu noch sagen? Manche Menschen haben einfach keine Ahnung…

Datum

Mittwoch, 30.05.2012 | 14:07

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1 Kommentar

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  • Ich finde es interessant zu lesen, wie du und deine Familie scheinbar für die Musik leben, obwohl sie so lange in eurer Heimat unterdrückt war. Das ist wirklich bewundernswert. Ich weiß nur sehr, sehr wenig über den Islam – was ich nicht verstehe: Warum wird Musik negativ betrachtet? In christlichen Kirchen spielt die Musik hingegen ja eine sehr wichtige Rolle z.B. im Gottesdienst oder in Prozessionen. Weißt du vielleicht, wie es zu diesem Unterschied kommt? Ist es wirklich ein religiöser Grund oder wird die Religion nur als Grund vorgeschoben?

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