More DW Blogs DW.COM

Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Musik: Ein „Nebenfach dritter Ordnung“?

 

 

 

Erinnerungen an den Musikunterricht

In einem ihrer Einträge haben Emmy und Hellgurd jeweils über den geringen Stellenwert geschrieben, den Musik in der kenianischen und irakischen Gesellschaft einnimmt. Das hat mich an einen ironischen Spruch meines ehemaligen Musiklehrers erinnert: „Ja, ja, ich weiß, ich bin nur Nebenfachlehrer dritter Ordnung.“ Trotz dieser Worte ist er ein sehr engagierter Lehrer, bereitet viele Schulkonzerte vor und musiziert selbst.

Auch wenn ich meinen Lehrer mochte, hat mich der Musikunterricht doch meist frustriert. Da ich selbst kein Musikinstrument spiele, kannte ich Musiknoten nur aus den Gesangsbüchern der Kirche, bevor ich mich in der Unterstufe des Gymnasiums bei diesem Lehrer damit beschäftigen musste. Den Unterschied zwischen hohen und tiefen Tönen verstand ich ja noch, aber Dreiklänge näher bestimmen?! Ich verstand nur Bahnhof. Wahrscheinlich blockierte ich innerlich auch und heimste mir so meine erste Fünf und die erste und einzige Sechs meiner Schullaufbahn ein. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, was unser Lehrer da vorne erklärte. Warum konnten wir nicht einfach nur zusammen singen? Das langt doch für Musikunterricht.

Rückblickend denke ich, dass mich die Situation überfordert hat. Und unser Lehrer kam mir und der Einstellung meiner Eltern mit der Aussage, dass Musik ein Nebenfach dritter Ordnung sei, wahrscheinlich sehr nahe. Eine Fünf in Mathe oder Englisch hätte ich nicht so einfach weggesteckt – und meine Eltern hätten sie in einem dieser Fächer auch nicht so einfach ignoriert.

Ich glaube, der Musikunterricht an der Schule müsste viel praktischer sein. Es wäre toll, wenn jedes Kind die

Die Posaune eines Schulfreundes

Möglichkeit hätte, im Laufe seiner Schullaufbahn auch ein Instrument zu erlernen. Privater Musikunterricht ist sehr teuer – und gerade Familien, die finanziell schlechter gestellt sind oder für die Musik keinen hohen Stellenwert hat, investieren das Geld lieber in andere Dinge. Aber wenn ich dreizehn Jahre lang zur Schule gehe, sollte es doch möglich sein, mir zumindest ein Instrument näher zu bringen.

Ich weiß noch, dass wir in der Grundschule in einer AG nachmittags Blockflöte spielen konnten. Wenn ich mich recht erinnere, meinte meine Mutter, dass ich schon genügend andere Hobbies hätte. Später, in einem Alter, in dem ich selbst hätte Entscheidungen treffen können, gab es diese Möglichkeit in der Schule nicht mehr. Klar, hätte ich mir extern Wege eröffnen können. Aber warum muss ich außerhalb der Schule suchen, wenn ich Klavier spielen lernen möchte, aber nicht, wenn es um ein Reimschema oder eine chemische Formel geht?

Dadurch, dass es an den meisten Schulen keine Regelangebote gibt, ein Instrument zu lernen, liegt eine klare Wertung vor. Eine gewisse Basis an Bildung wird allen an der Schule geboten. Doch Musik ist nicht für alle da. Dass klassischer Musik etwas Elitäres anhaftet, sieht man nicht nur, wenn man sich anschaut, wer seinen Kinder Musikunterricht ermöglicht, sondern auch wenn man auf klassische Konzerte geht: Alle sind sehr steif angezogen, die meisten älter und mit dem Durchschnittsbürger hat das Publikum generell wenig zu tun. Dabei werden deutsche Staatsorchester doch aus Steuergeldern mitfinanziert. Ich glaube, man sollte an Schulen intensiver versuchen, schon Kindern die Ehrfurcht vor – und teils auch Ablehnung von – klassischen Konzerten zu nehmen und ihnen das Ausdrucksmittel und Kulturgut der Musik näher bringen.

Datum

Sonntag, 10.06.2012 | 15:51

Teilen