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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Bedeutet weniger Wissen mehr Zufriedenheit?

Mobiltelefone - für Analphabeten nutzbar nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum"?

Die Qualität der Bildung im Irak hat in der jüngeren Vergangenheit viele Höhen und Tiefen durchlaufen; was aber immer ein Problem dargestellt hat – und auch heute noch darstellt – ist der Analphabetismus, besonders unter den Frauen.

Ich würde die Welt wirklich gerne einmal durch die Augen eines Menschen sehen, der keine schulische Bildung genossen hat, dem der Zugang zu Bildung verwehrt blieb. Sich das vorzustellen, ist, glaube ich, ungleich schwerer, als sich vorzustellen, wie ein Genie die Welt sieht.

Ich kenne viele Menschen ohne Bildung und das einzige, was sie lesen  und verstehen können, ist die Uhrzeit. Ich frage mich, wie sie mit dem Mobiltelefon klarkommen…? Sie können, das habe ich festgestellt, die Kontaktliste zum Wählen nutzen und erkennen auch, wer sie anrufen möchte! Wahrscheinlich probieren sie einfach so lange herum, bis sie wissen, wie es funktioniert. Das ist für sie sicher sehr abenteuerlich, könnte ich mir vorstellen!

Wenn die Arbeit einem keinen Spaß mehr bringt oder ständige Grübeleien einen unglücklich machen, wünscht man sich schon mal, zu den Menschen ohne Bildung zu gehören – einfach mal nichts zu wissen. Manchmal denke ich, dass Menschen mit weniger Wissen glücklicher sind. Ich würde es so formulieren: „Weniger zu wissen bedeutet mehr Zufriedenheit.“ Deshalb glaube ich, dass weniger gebildete Menschen ihr Leben mehr genießen können als Akademiker.

Die meisten ungebildeten Menschen findet man unter den alten Leuten, und auch hier wieder besonders unter den Frauen. Männer haben im Mittleren Osten immer ein besseres und bequemeres Leben geführt – sie genießen einfach alle Freiheiten. In meinem dritten Eintrag habe ich den Bildungsweg von Mädchen beschrieben und in Zusammenhang gestellt mit unserem System und den Problemen unserer Gesellschaft.

Manchmal reicht das Gehalt nicht einmal für das Nötigste

Wir haben hier gegenwärtig riesige Bildungslücken unter den jungen Leuten. Es gibt unzählige Gründe, weshalb viele von ihnen nicht zur Schule gegangen sind. Sie mussten arbeiten und zum Familienunterhalt beitragen, obwohl sie noch ganz jung waren. Manche Eltern haben ihre Kinder nicht eingeschult, weil sie überzeugt waren, dass ihnen in der Schule nichts wirklich Wichtiges beigebracht wird. Oder sie haben gedacht, dass die Regierung ohnehin nicht in der Lage wäre, ihnen nach dem Schulabschluss Jobs anzubieten.

Was aber auch oft passiert, ist, dass junge Leute die Schule abbrechen und arbeiten gehen. Sie haben mitbekommen, dass ihnen auch ein Abschluss keine Arbeit garantiert, mit der sie genug verdienen können. Ein Lehrer verdient beispielsweise 500 US-Dollar im Monat; ein freier Mitarbeiter bekommt pro Tag 25 US-Dollar und hat am Monatsende 750 US-Dollar in der Tasche. Dann  gibt es auch noch die Leute, die deshalb früher von der Schule abgehen, weil sie davon überzeugt sind, dass die Gehälter der Regierungsjobs ungerecht sind. Dein Gehalt hängt nicht davon ab, wie viel Stunden du pro Woche arbeitest, sondern davon, welche Funktion du hast oder wo du arbeitest. Viele befürchten, dass sie auf einem Staatsposten alt werden und immer noch nur davon träumen, sich ein Auto oder ein kleines Haus leisten zu können oder überhaupt genug zu verdienen, um über die Runden zu kommen. Manche müssen sogar einen Kredit aufnehmen, um die Lebenshaltungskosten zu decken – an Sparen ist da nicht zu denken!

Datum

Freitag, 15.06.2012 | 08:43

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