More DW Blogs DW.COM

Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Das Schweigen der russischen Lehrer

Pavel

Bibliotheken organisieren Lehrerabende, aber es geht dabei nie um ihre Rechte

Als ich Marias Eintrag über die Lehrerstreiks in Argentinien gelesen habe, habe ich über die hiesige Unzufriedenheit mit dem russischen Bildungssystem nachgedacht. Und damit meine ich die Unzufriedenheit der Lehrer und auch vieler anderer Menschen.

Was mich allerdings verwundert, aber auch beunruhigt ist, dass die Lehrer in meinem Land nie Streiks organisieren oder auch nur versuchen gehört zu werden – weder in den kleinen noch in den großen Städten. Ich weiß zum Beispiel, dass einige unserer Uni-Professoren in ihrer Freizeit zusätzlich Nachhilfe erteilen, damit sie ein bisschen mehr Geld verdienen. Dabei wäre eigentlich die Forderung nach besseren Gehältern und einer modernen Ausstattung völlig gerechtfertigt. Dabei ginge es ja dann auch nicht darum, dass nur einzelne Lehrer davon profitieren.

Aber ich würde an dieser Stelle gerne einen Blick auf die Jahre am Gymnasium werfen. Vor einigen Jahren war es noch so, dass wir unsere Abschlussprüfungen im Juni hatten und die Aufnahmeprüfungen an der Uni waren im Juli. Das hat man jetzt geändert. Denn damals mussten die Studenten mindestens zwei Monate am Rande des Nervenzusammenbruchs immer weiter lernen, lernen, lernen. Außerdem bestand so die Gefahr der Korruption: Je mehr Verbindungen man in diese Kreise hatte, desto schneller konnte man eine Möglichkeit finden, sie für sich auszunutzen.

Pavel

Die "USE" Bögen für die Prüfungen

Seit einer Prüfungsreform, ersetzt heutzutage das so genannte „Unified State Exam“ (USE) – vereinheitlichte und staatliche Klausuren – die Aufnahmeprüfung an der Uni. Die Regierung sagt, dass das neue Examen Schülern aus den Provinzen die gleichen Chancen einräumen würde, um an renommierten Universitäten zu studieren. Außerdem sollte es die eben erwähnte Korruption bekämpfen, weil die Noten nicht von den Lehrern selber vergeben werden, sondern von einem staatlichen Komitee. Das USE besteht zwar aus vielen verschiedenen Tests. Aber es ist ja auch klar, dass Tests alleine nichts über das (kreative) Potential der Schüler aussagen. Und wenn man es genau nimmt, dann verdecken sie diese kreativen Fähigkeiten wohl eher. Was passiert denn mit den jungen Menschen, die gerne Musik oder Kunst studieren wollen?

Trotz solcher Bedenken von Seiten der Eltern wurde das USE eingeführt. Neuerdings kursiert hier das Gerücht, dass die Prüfen auf zwei verschiedenen Ebenen stattfinden sollen – erst die leichteren, dann die schwereren Prüfungen. Ich befürchte nur, dass damit die Korruption wieder in Gang kommt. Wer bitte möchte keine guten Noten haben am Ende seiner Schullaufbahn haben?

Ich denke, dass unsere Lehrer auf dieses Thema aufmerksam machen werden. Und da wir ja in einer Zivilgesellschaft leben, sollte jeder Zivilist auch angehört werden. Die Frage bleibt allerdings: Wie lange dauert es bis dahin noch?

Datum

Freitag, 22.06.2012 | 18:00

Teilen

Hinterlasse einen Kommentar