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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Visionäre Bildungskonzepte sind gut und schön, aber…

Viele reden über neue Technologien, verlieren aber die eigentlichen Probleme aus dem Blick...

Am Mittwoch habe ich das das dritte Plenum des Deutsche Welle Global Media Forums besucht. Da ging es um Bildung als Meilenstein für nachhaltige Entwicklung. Denis Goldberg, ein Gesellschaftsaktivist aus Kapstadt in Südafrika meinte: „Bildung sollte sich stärker am Ziel der Nachhaltigkeit orientieren, schließlich sind wir darauf angewiesen.“ Das heißt zum Beispiel, dass man Projekte in Angriff nehmen sollte, die das Problem der Überbevölkerung in den Blick rücken. Einer seiner Vorschläge ist darüber aufzuklären, dass man soziale Sicherungsnetze wie Rentenversicherungen ausbauen muss. Denn nur so kann man die Menschen davon abbringen zu glauben, dass das Kinderkriegen der alleinige Weg ist die eigene Zukunft abzusichern.

Damit hat er schon recht. Aber ich finde trotzdem, dass in der ganzen Debatte etwas fehlt.

Die anderen Diskussionsteilnehmer haben sich dann mehr mit der Frage beschäftigt, wie man junge Leute – Kinder und Teenager – dazu bringen kann, dass sie mehr Interesse für Bildung entwickeln. Also angefangen bei Lesegewohnheiten bis zu den neuen Medien und neuen Technologien, die man im Bildungssektor nutzt. Auch das alles ist gut und schön.

Aber das geht schon über die eigentlichen Probleme hinaus. Ich finde, wir dürfen nicht die Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung aus den Augen verlieren: Wenn in Regionen, in denen Armut herrscht, ein Kind nicht zur Schule geht und auch nicht anderswo Bildung erfährt, dann ist das aller Wahrscheinlichkeit deshalb so, weil das Kind hungert.

Neben diesen grundlegenden Problemen müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, welche Möglichkeiten und Chancen wir den Menschen bieten. Professor Barbara Ischinger vom Bildungsdirektorat der OECD hat da drei Stufen vorgestellt, wie man den Nutzen von vermittelten Fähigkeiten maximieren kann: Kurzfristig geht es einfach darum einzelne Fähigkeiten in der Praxis anzuwenden; mittelfristig unterschiedliche Fähigkeiten zu trainieren; und langfristig ist dann das Ziel, Fähigkeiten zu erarbeiten, die ganz genau auf die jeweilige landesspezifische Wirtschaftssituation zugeschnitten sind.

Mir kam sofort der Gedanke, dass ich diese Ideen gut auf die Nichtregierungsorganisation anwenden kann, für die ich arbeite. Wir entwickeln nämlich eine neue Online-Plattform, bei der es um berufliche Ausbildung geht. Unser Ziel ist Informationen über verschiedene Karrierewege zu liefern, mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Energiewirtschaft. Eine der Fragen, über die wir gerade diskutieren, ist, ob wir Trainingsprogramme für bestimmte berufliche Fähigkeiten anbieten sollen oder nicht. Schließlich wollen wir ja Teenager ermutigen, eine akademische Laufbahn einzuschlagen.

Traditionelle Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken scheinen in der heutigen Bildungsdiskussion keine Rolle mehr zu spielen

In der Tat müssen aber junge Leute heute auch oft viel früher anfangen zu arbeiten, weil sie in finanziell instabilen Verhältnissen aufwachsen (wenn sie denn überhaupt die Möglichkeit haben, diesen Verhältnissen zu entfliehen). Und das sprach ein anderer Diskussionsteilnehmer an: Im Bildungssystem muss Durchlässigkeit herrschen, also dass jeder ein berufliches Trainingsprogramm absolviert und dann damit die Chance bekommt, sich in diesem Fach an der Uni einzuschreiben. Menschen eine Berufsausbildung zu bieten, ihnen Arbeit zu geben – das ist die Grundlage für wirtschaftliche Absicherung. Es muss solche Perspektiven geben, auch bei höherer Bildung und bei der Arbeit.

Wir übersehen oft und gerne einige elementare Probleme, wenn wir über Bildungsstrategien nachdenken. Verashni Pillay, die Online-Chefin von Mail & Guardian in Südafrika, hat das bei der Konferenz mit klaren Worten ausgedrückt: „Lasst uns erst die grundlegenden Probleme lösen, bevor wir noch und noch mehr futuristische Sichtweisen auf das Thema Bildung in die Diskussion werfen.“

Datum

Freitag, 29.06.2012 | 12:00

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