More DW Blogs DW.COM

Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Bildungssystem ohne einheitliche Standards

Marias Mutter korrigiert Englischarbeiten

Am Sonntag habe ich gemeinsam mit meinen Eltern gefrühstückt. Meine Mutter ist Englisch-Lehrerin und war damit beschäftigt, einige Arbeiten zu korrigieren. Sie wollte, dass ich mir einige der Texte ansehe. „Meinst du, ich erwarte zu viel?“, fragte sie. „Das ist für das CAE.“ (Certificate in Advanced English)

Ich habe mir beim Lesen das ein oder andere durch den Kopf gehen lassen und einige Gedanken mit meiner Mutter ausgetauscht. Während unseres Gesprächs fiel mir wieder ein, wie ich überhaupt dazu gekommen bin, in Englisch zu schreiben…

Als ich in Berlin an einem internationalen College Unterricht hatte, schrieb ich auch philosophische Essays. Die hatten durchschnittlich 2000 Wörter. Ich fand, dass mein Grundwissen eigentlich nicht ausgereicht hat, um ein gutes Essay zu schreiben. Also habe ich mir selbst beigebracht, komplexe Zusammenhänge und Gedanken in meinen Texten zu strukturieren. Die Fakultätsmitarbeiter haben mir dazu Rückmeldungen gegeben.

In Argentinien sind die hohen Lernstandards nicht das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen oder gesellschaftlich festgelegter Ansprüche an Qualitäts-Bildung. Stattdessen sind es Einzelne, von denen hier die Initiative ausgeht. Immer wieder habe ich von Leuten gehört: „Ich hatte Glück. In der siebten Klasse hatte ich einen ganz tollen Sprachlehrer.“ Oder: „Ich fand Mathematik an der Universität nicht schwer – ich hatte nämlich in den letzten beiden Jahren auf dem Gymnasium einen sehr guten, anspruchsvollen Lehrer.“

Als ich in Argentinien Abitur gemacht hatte, gab es ein System, das nannte sich 6-3-3. Das bedeutet: Sechs Jahre Grundschule, drei Jahre weiterführende Schule, drei Jahre Gymnasium. Im Gymnasium musste man Orientierungskurse wählen und so konnte es passieren, dass man von den Klassenkameraden getrennt wurde und mit einer Gruppe völlig neuer Leute zusammenkam.

Schon mit der Unterrichtsvorbereitung setzt jeder Lehrer seine individuellen Lern-Standards

Ich erinnere mich an eine Übungsstunde in Grammatik. Einige Schüler hatten sich lebhaft beteiligt, andere kamen überhaupt nicht mit. Der Lehrer fragte dann: „Wer hat euch denn vorher unterrichtet?“ Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass Lehrer unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Die einen legen mehr Wert auf den Schreibstil, andere hingegen finden Grammatik-Übungen viel wichtiger und wieder andere halten Literatur für das Maß aller Dinge. Wenn du Glück hattest, hat dir in der Schulzeit jemand eine gute Grundlage in Grammatik vermittelt und du hast gelernt, ordentlich zu schreiben und dich gut auszudrücken. Dieses Phänomen eines uneinheitlichen Bildungsstands ist also schon innerhalb der einzelnen Schulen zu finden. Noch gravierender zeigt es sich, wenn man Gleichaltrige trifft, die aus den Provinzen kommen. Die Wissenslücke zwischen  Teenagern die in den Provinzen zur Schule gehen und denen aus Buenos Aires klafft viel weiter auseinander.

Es gibt kein einheitliches System von Bildungsstandards. Obwohl sich die Lehrer an Lehrpläne halten, setzen sie doch die Schwerpunkte ihres Unterrichts völlig unterschiedlich – Defizite auszugleichen bleibt dann einem selbst überlassen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Lehrpläne zu grob gehalten sind oder zum Schuljahresende nicht gründlich ausgewertet werden. In jedem Fall ist es oft genug so, dass du alleine zusehen musst, wie du voran kommst.

Datum

Dienstag, 15.05.2012 | 19:59

Teilen

Feedback

2 Kommentare

2 Kommentare

  • Mit dem uneinheitlichen System von Bildungsstandards – trotz bestehender Lehrpläne – spricht Maria ein Problem an, das ich hier in Deutschland nur als Spitze des Eisbergs ansehe. Und es ist ein Problem, das die Schülerinnen und Schüler ausbaden müssen. Der unterschiedliche Lernstand bevorteilt diejenigen, die zufällig in früheren Schuljahren als Schwerpunkt das gelernt haben, worauf ein Lehrer im neuen Schuljahr Wert legt und benachteiligt diejenigen, die zufällig schwerpunktmäßig etwas gelernt haben, das nun gerade weniger wichtig scheint. Anstatt in neu entstandenen Klassen/Lerngruppen einen einheitlichen Wissensstand herzustellen, erwarten die Lehrer, dass die Schüler das selbst – und zusätzlich zum neuen Lernstoff – aufholen. Und zwar in jedem Fach! Ein zusätzlicher Lern- und Leistungsdruck entsteht. Das Problem nimmt aber deutlich zu, wenn, wie es vielfach passiert, das Vorwissen gar nicht vorhanden ist, weil z.B. der Physik- oder Chemieunterricht in einem oder gar mehreren Schuljahren wegen Lehrermangel nur rudimentär oder sporadisch erteilt wurde. Und trotzdem wird im folgenden Schuljahr erwartet, dass der Stoff beherrscht wird – obwohl er gar nicht vermittelt wurde. Hier entstehen Nachteile und Benachteiligungen, die sich nicht nur in schlechten Noten widerspiegeln. Schlimmer noch: Diese Situation trägt dazu bei, dass viele Schulabgänger nie die Möglichkeit hatten, für einige Fächer ein echtes Interesse zu entwickeln und deshalb lebenslang um Berufschancen geprellt werden. Ich finde das tragisch!

  • Hi Jürgen!
    Thank you for your comment.
    Lack of basic knowledge is also a problem in Argentina. I think a good approach at solving this could be developing different stages of evaluation throughout the academic year, which would give students different chances to test their knowledge. Also, working on different evaluating systems, that change the dramatic side of this stage and make it more human, subject oriented, I think is a key.

Hinterlasse einen Kommentar