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Bildungswege

Fünf Blogger - fünf Länder - ein Dialog

Russlands Arbeitsmarkt für Akademiker

"Vorurteile, die auf dem Arbeitsmarkt bestehen, müssen ausgeräumt werden."

Einem meiner Freunde wurde vor Kurzem eine Professorenstelle an einer ausländischen Universität angeboten. Während wir beide uns über dieses Angebot unterhielten, habe ich über unseren Arbeitsmarkt nachdacht. Einige meiner Überlegungen möchte ich euch gerne mitteilen.

Wie sieht das also aus, wenn man frisch von der Uni kommt? Da gibt es Leute, die arbeiten in Berufsfeldern, die mit ihrem Universitäts-Abschluss überhaupt nichts zu tun haben. Das hängt meistens damit zusammen, dass sie in ihrem Fachbereich nur niedrige Gehälter erzielen können. Lehrer sind dafür das beste Beispiel. Nur wenige Absolventen gehen nach dem Studienabschluss an staatliche Schulen. Die meisten ziehen es vor, in anderen Jobs zu arbeiten, auch wenn da ihre erlernten Fähigkeiten gar nicht gefragt sind. Oder sie arbeiten an der Universität. Allerdings ist die Zahl privater Sprachschulen angestiegen und viele Kommunen überlegen, Subventionen zu zahlen. So gesehen ist die Situation heute etwas besser, als noch vor zehn Jahren.

Aber es ist schon ziemlich absurd: Warum sollte man vier bis fünf Jahre studieren, um danach in einem ganz anderen Bereich zu arbeiten? Dieses Phänomen gibt es sicherlich auch in anderen Ländern, aber das Ausmaß, das es in Russland angenommen hat, macht es zu einem großen Problem – und zwar bedauerlicherweise zu einem Problem, das völlig unterschätzt wird.

Unsere Gesellschaft betrachtet Menschen ohne Arbeit als Verlierer. Und natürlich ist es schwer, aus der Arbeitslosigkeit heraus seine Zukunft zu schmieden. Mittlerweile haben wir eine Entwicklung des Marktes zu verzeichnen und es ergeben sich Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Freiberuflichkeit zählt dazu, wird allerdings innerhalb des Arbeitsrechts noch mit großer Zurückhaltung behandelt. Und auch die Generation unserer Eltern hat für diese Arbeitsform noch kein rechtes Verständnis entwickelt. Deshalb werden viele Freiberufler so behandelt, als hätten sie keine regelmäßige Arbeit und gelten deshalb auch als Verlierer. Nach meiner Meinung ist das ein gefährliches Vorurteil, das dringend ausgeräumt werden muss.

Ein anderes Klischee betrifft das Gehalt. Es wird immer noch davon ausgegangen, dass der Mann mehr verdienen sollte als die Frau, die sich ja doch früher oder später um die Kinder kümmern wird. Der Arbeitsmarkt von heute ist aber flexibler und orientiert sich an westlichen Trends. Natürlich bedeutet das nicht, dass man so viel verdienen kann, wie man möchte. Die gestiegene Flexibilität ermöglicht es einem – oder drängt einen sogar dazu – hinzu zu verdienen, da die Inflationsrate schneller steigt als die Gehälter. Also muss ein Nebenjob her. Das führt dazu, dass mitunter Frauen mehr verdienen als ihre Ehemänner.

Nach meiner Meinung sollten die Familien selbst entscheiden, wer den Hauptverdienst einbringt – es sollte nur darauf geachtet werden, dass die- oder derjenige mit dem geringeren Einkommen nicht vom höheren Gehalt der Partnerin oder des Partners abhängig ist.

 

Datum

Mittwoch, 16.05.2012 | 16:08

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