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Der Gipfeltag

2.00 Uhr Ich wache auf. Meine Gedanken fliegen zu den Bergsteigern in Lager drei auf 7300 Metern. Um diese Zeit wollten sie zum Gipfel des Manaslu aufbrechen. Hier unten im Basislager auf 4850 Metern Höhe schneit es, aber bei weitem nicht mehr so viel wie am Vortag.
5.30 Uhr Ich blicke aus dem Zelt. Noch immer ist die Sicht schlecht. Ich kann vielleicht hundert Meter weit sehen. Es hat inzwischen aufgehört zu schneien.
6.00 Uhr Waiba Tanang bringt Marc und mir den „Good morning tea“ ans Zelt. Eigentlich hatten wir erst um 7.30 Uhr frühstücken wollen. Die Küchencrew fiebert am Gipfeltag eben mit. Um 6.10 Uhr steht unser Koch Sitaram vor meinem Zelt. „Wann nehmen wir Kontakt zu Ralf auf?“ Ich informiere ihn, dass ich mit dem Expeditionsleiter vereinbart habe, das Funkgerät ab 7 Uhr auf Empfang zu stellen.
6.30 Uhr Der Nebel lichtet, die Wolken heben sich. Es ist klar erkennbar: Auf dem Gipfelplateau scheint die Sonne. Das könnte ein idealer Gipfeltag werden.


Das ist der sogenannte „Pinnacle“, ein eigenständiger Gipfel des Manaslu-Massivs. Der 8163 Meter hohe Hauptgipfel liegt dahinter.

6.45 Uhr Ich schalte – eine Viertelstunde vor der vereinbarten Zeit – das Walkie-Talkie ein. Ein gleichmäßiges Rauschen erklingt. Das Warten beginnt.
8.07 Uhr Ein Knistern in der Leitung. Ich stürze aus dem Zelt. Nichts. Fehlalarm? Funkloch?
9.15 Uhr Ralf meldet sich erstmals per Funk. „Pasang, Hiro und ich haben gerade den Vorgipfel erreicht. Vor uns liegt ein Sattel. Dahinter sieht es noch einmal ziemlich grimmig aus. Ein überwächteter Grat, zum Schluss noch ein bisschen Felskletterei. Ich denke, für die Bastelei werden wir sicher noch eine Dreiviertelstunde brauchen.“ Ich frage nach den anderen. „Ich sehe hinter mir einige aufsteigen. Richard, Josef, …. bei den anderen kann ich nicht erkennen, wer es ist. Vor einer Stunde haben zwei umgedreht.“ Ralf will sich später wieder melden. Das Funkgerät bleibt auf Empfang.


Warten auf weitere Meldungen

Gipfelerfolg!

10.34 Uhr “Hallo, hier ist der Peter!“ Das Funkgerät knistert, er ist schwer zu verstehen. „Ralf sitzt gerade auf dem Gipfel zwischen einem Felsblock und muss sich mit beiden Händen festhalten.“ Ich frage Peter, wo er sich befindet. „Ich sitze ein paar Meter unterhalb des Gipfels. Von dort aus muss man sich an einem Schneegrat entlang krallen. Sonst macht es keinen Unterschied.“
Und wer ist noch dort oben? „Josef, Richard, Hiro, Pasang und die beiden Österreicher Oliver und Peter.“ Andere seien noch im Aufstieg. Er könne aber nicht sagen, wer. Will Peter auch noch die letzten Meter zum höchsten Punkt hinaufklettern? „Mal sehen, ob mich Ralf lässt. Es ist recht schwierig.“
Marc und ich gratulieren den ersten acht Bergsteigern am Gipfel des Manaslu zu ihrem Erfolg.


Zur Feier des Tages zeigt sich einer, der bisher nur Spuren hinterlassen hatte.

Sieben aus der Gruppe am höchsten Punkt

11.00 Uhr Ralf meldet sich wieder. „Es hat ein bisschen gedauert, ich musste alle einzeln auf den Gipfel herauf sichern.“ Der Expeditionsleiter zählt auf, wer aus der Gruppe den höchsten Punkt auf 8163 Metern erreicht hat: „Hiro, Richard, Peter, Angelo, Josef, Pasang und ich.“ Ich frage nach den anderen: „Es kann sein, dass Jürgen noch kommt“, antwortet Ralf, „ich werde ihm aber wahrscheinlich sagen müssen, dass er umdreht. Ich schaue mal, wie weit er noch hat, wenn ich ihn treffe. Aber ich bin nicht sehr optimistisch.“
Das Wetter scheint zu halten. „Wir haben eine stabile Oberkante der Wolkendecke“, erklärt Ralf, „ich glaube nicht, dass das Wetter allzu früh kippt.“ Die Sicht sei immer noch perfekt.
Der Expeditionsleiter will jetzt nach Lager drei auf 7300 Metern absteigen.

Rolf und Jürgen noch unterwegs

15.00 Uhr Ralf meldet sich aus Lager drei. „Ich glaube, ich habe dir heute morgen nicht gesagt, dass auch Rolf noch auf dem Weg zum Gipfel war. Rolf und Jürgen sind die einzigen, die noch nicht nach Lager drei zurückgekehrt sind.“ Ich frage den Expeditionsleiter, ob er beiden eine feste Umkehrzeit mit auf den Weg gegeben hat. Ralf antwortet: „Ich habe ihnen gesagt, wenn sie nicht bis 13.30 Uhr am Gipfel sind, sollen sie umdrehen. Aber wir brauchen uns wirklich keine Sorgen zu machen. Wir haben hier oben fantastisches Wetter.“ Er rechne gegen 17 Uhr mit der Rückkehr der beiden. „Ich werde so lange hier bleiben, bis die beiden angekommen sind. Die anderen steigen bereits nach Lager zwei ab.“ Ich frage nach Helmar, Johannes und Karma. „Helmar ging es nicht optimal, er hat sich seinen Daumen leicht angefroren. Johannes und Karma hatten eiskalte Füße. Sie sind umgekehrt.“

Warten auf Jürgen

18.00 Uhr Ralf hält sich immer noch in Lager drei auf. „Alle Bergsteiger bis auf Jürgen sind nach Lager zwei abgestiegen. Ich habe mich jetzt im letzten hier verbliebenen Zelt eingerichtet und hoffe, dass Jürgen bald hier ankommt.“ Rolf sei fast am Gipfel gewesen, Jürgen nicht. „Auf dem Rückweg hat Rolf ihn überholt“, sagt Ralf, „Jürgen war ziemlich langsam.“ Der Expeditionsleiter bereitet sich auf Jürgens Ankunft in Lager drei vor. „Ich habe jede Menge Flüssigkeit gekocht, damit er viel zu trinken hat. Ich hoffe ganz einfach, dass Jürgen bald hier eintrifft. Und dann bringe ich ihn morgen irgendwie herunter.“

19.00 Uhr Der Funkkontakt wird immer schwieriger. Wahrscheinlich erhalte ich erst morgen neue Informationen. Sollte ich vorher etwas erfahren, melde ich mich.

Jürgen in Lager drei!

21.15 Uhr Ralf funkt aus Lager drei: „Gerade eben ist Jürgen hier angekommen. Es geht ihm gut. Wir steigen morgen ab.“ Gott sei Dank!

Datum

Samstag 19.05.2007 | 04:03

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