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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Höhenhirnödem: Die versteckte Gefahr

Dr. Tobias Merz (l.) und Co-Expeditionsleiter Urs Hefti auf dem Gipfel des Himlung Himal

Dr. Tobias Merz (l.) und Co-Expeditionsleiter Dr. Urs Hefti auf dem Gipfel des Himlung Himal (© T. Merz)

20 Ärzte, knapp doppelt so viele Versuchspersonen. Die Schweizer Forschungsexpedition zum Siebentausender Himlung Himal im Herbst 2013 hatte sich zum Ziel gesetzt, die Auswirkungen großer Höhe auf den menschlichen Körper zu untersuchen. Mehr als zwei Jahre später liegen die ersten Ergebnisse auf dem Tisch. Ich habe darüber mit Dr. Tobias Merz gesprochen. Der 46-Jährige ist leitender Arzt an der Universitätsklinik für Intensivmedizin in Bern. Seit seiner Jugend ist Merz Bergsportler. Dass er sich auch der Höhenmedizin verschrieben hat, ist kein Zufall. „Im intensivmedizinischen Bereich ist es eine Krankheit, die Organsysteme in den Grenzbereich des Möglichen bringt, in der Höhenmedizin sind es die äußeren Umstände“, sagt Merz. Als Bergsteiger hatte er schon vor der Expedition zum Himlung Himal eigene Erfahrungen mit großer Höhe in den Anden und im Himalaya gemacht. Am Achttausender Shishapangma erreichte Merz eine Höhe von etwa 7600 Metern. Auf den Gipfel musste er damals verzichten, weil er für eine Rettungsaktion gebraucht wurde. Am Himlung Himal stand er auf dem höchsten Punkt.

Dr. Merz, Sie haben 2013 den 7126 Meter hohen Gipfel des Himlung Himal erreicht. Wird Ihnen angesichts Ihrer nun vorliegenden ersten Forschungsergebnisse im Nachhinein noch mulmig?

Ich wusste schon vorher, dass Höhenbergsteigen eine Risikosportart ist, und dass man sich im Grenzbereich des Physiologischen und auch des Vernünftigen bewegt. Für mich waren die Ergebnisse mehr eine Bestätigung dessen, was ich geahnt habe und weniger eine Riesenüberraschung.

Aber Sie haben etwas Beunruhigendes für Höhenbergsteiger zutage gefördert.

Wir hatten eigentlich zwei wesentliche Resultate. Eines ist sehr beruhigend, eines sehr beunruhigend.

Im Aufstieg

Im Aufstieg (© T. Merz)

Fangen wir mit der schlechten Nachricht an.

Es waren 38 Versuchspersonen, die an diesem Berg unterwegs waren. 15 von ihnen sind auf eine Höhe von über 7000 Metern gelangt. Bei drei dieser Personen haben wir Hinweise gefunden, dass sie bei der Besteigung ein Hirnödem erlitten, also dass aus den Blutgefäßen Flüssigkeit ins Hirngewebe ausgetreten war. Das Hirn schwillt dann an, das Ganze kann zu einer lebensbedrohlichen Situation führen. Beunruhigend war, dass wir als Ärzte und auch die Probanden von diesen Hirnödemen nichts gemerkt haben. Eigentlich ist die klassische Lehrmeinung, dass parallel zur Entwicklung eines Hirnödems klinische Symptome auftreten wie Kopfschmerzen, Übelkeit, allgemeines Missbefinden und dass man noch Zeit hat, Maßnahmen zu treffen, sprich in erster Linie schnell abzusteigen, um eine lebensbedrohliche Komplikation zu vermeiden. Aber offensichtlich ist es nicht so. Wir denken, dass diese Hirnödeme auch ohne Warnzeichen auftreten können. Das macht die Situation natürlich deutlich kritischer, wenn wie aus dem Nichts innerhalb von Minuten in eine klinische Katastrophe eintreten kann.

Aber es handelte sich doch um Mikroblutungen, die von den Bergsteigern gar nicht wahrgenommen wurden.

Richtig. Diese Leute fühlten sich oben genauso wie jene, die keine Mikroblutungen hatten. Aber diese Mikroblutungen, die wir hinterher bei den Probanden nachweisen konnten, sind ein Beweis für ein erhebliches Hirnödem in großer Höhe. Die gute Nachricht ist, dass diese Mikroblutungen nicht mit einem Hirnschaden gleichzusetzen sind. Diese Bergsteiger sind zurückgekommen und haben jetzt ein völlig normales Hirn. Man sieht zwar noch ein paar ausgetretene Blutzellen, aber das Hirngewebe ist unverletzt. Die Bergsteiger sind also noch mal davongekommen. Sie waren kurz davor, ein schweres Hirnödem zu entwickeln. Es braucht dann nur wenig Volumenzunahme, um von einer normalen Bewusstseinslage in ein Koma zu fallen.

Blutentnahme im Basislager

Blutentnahme im Basislager (© T. Merz)

Es gibt also keine Vorboten. Kann man denn wenigstens sagen, ab welcher Höhe das Risiko für ein Hirnödem extrem ansteigt?

Wir können das aufgrund unseres Studiendesigns nicht beweisen. Wir haben die MRIs (Untersuchungen per Magnetresonanztomographie) vor und nach der Expedition gemacht. Die Mikroblutungen sind irgendwann dazwischen aufgetreten. Aber wir haben sie nur bei Probanden gefunden, die über 7000 Metern waren. Das ist kein Beweis, aber immerhin ein Hinweis. Es handelte sich zudem um die Versuchspersonen, die die tiefsten Sauerstoff-Messwerte von allen hatten. Wir haben während der Expedition bei den Teilnehmern zweimal am Tag die Sauerstoffsättigung im arteriellen Blut überprüft.

Gibt es vielleicht eine Veranlagung für Höhenhirnödeme? Und könnte man diese Anfälligkeit im Vorfeld untersuchen und einschätzen lassen?

Nein, solche Tests gibt es nicht. Man könnte allenfalls ganz pragmatisch sagen: Jemand, der schon einmal auf 4000 Metern ein Hirnödem entwickelt hat, ist wahrscheinlich in größerer Höhe anfälliger dafür, dass es wieder passiert, als jemand, der noch nie ein Hirnödem hatte. Aber dazu gibt es keine Untersuchungen.

Wahrscheinlich sind aber jüngere Leute anfälliger als ältere. Das hat eher mechanische Gründe. Das Hirnvolumen nimmt im Alter ab, das heißt ein 65-Jähriger hat deutlich weniger Hirnsubstanz im Schädel als ein junger Mensch. Wenn das schon etwas geschrumpfte Hirn beginnt anzuschwellen, hat es einfach mehr Platz als bei einem 20-Jährigen, bei dem das Innere des Schädels wirklich größtenteils mit Hirnmasse ausgefüllt ist.

Würden Sie vor dem Hintergrund Ihrer Studie sagen, dass Höhenbergsteigen ab einer bestimmten Höhe aus medizinischer Sicht unverantwortlich ist?

Ich würde eher sagen, dass sich jeder Bergsteiger selbst überlegen muss, welches Risiko er eingehen will. Man muss sich der Gefahr bewusst sein, dass bei einem gewissen Prozentsatz ein Hirnödem entstehen kann. Das ist dann – wie bei allen Risikosportarten – eine individuelle Entscheidung, ob man diese Gefahr in Kauf nimmt.

Eine Expedition zu dem Berg, den wir bestiegen haben, kann man im Katalog für 12.000 bis 14.000 Euro buchen. Wir als Konsumenten gehen davon aus, dass ein Produkt, das wir kaufen, sicher ist. Und wir delegieren auch gerne die Verantwortung für unser Wohlbefinden an den Veranstalter, den Expeditionsleiter oder den Bergführer. Aber so funktioniert es nicht. Eigentlich muss sich jeder Höhenbergsteiger bewusst sein, dass er persönlich dieses Risiko eingeht und ihm niemand diese Verantwortung abnehmen kann. Dieses Bewusstsein fehlt ein bisschen im kommerziellen Höhenbergsteigen.

Lager 2 am Himlung Himal

Lager 2 am Himlung Himal (© T. Merz)

Und auch ein Expeditionsarzt, so es einen gibt, kann wenig ausrichten.

Die Chance, dass er krank wird, ist genauso groß wie bei allen anderen. Und er kann medizinisch gegen ein Höhenhirnödem wenig machen. Schon der Abtransport eines Bergsteigers aus 7000 Metern ist schwierig. Dann muss es auch noch schnell gehen. Das bringt eine Expedition sehr schnell an den Rand der logistischen Möglichkeiten.

Zum Abschluss noch einmal die gute Nachricht: Die Aussage, dass Höhenbergsteigen dumm macht, gehört nach ihrer Studie also endgültig ins Lexikon der populären Irrtümer.

Ja. Wir hatten aus methodischen Gründen Zweifel an Ergebnissen früheren Studien, dass Bergsteigen in größeren Höhen, beginnend schon in Mont-Blanc-Höhe, zu Hirnschäden führt. Meistens wurden hier jedoch nur Bergsteiger mit Nicht-Bergsteigern verglichen. Wenn ich 45-jährige Bergsteiger mit 20-jährigen Medizinstudenten vergleiche, werde ich aber immer einen relevanten Unterschied finden. Deshalb haben wir diese Studie durchgeführt, in der wir jeden Bergsteiger vorher und nachher per MRI untersuchten. Wir konnten nicht nachweisen, dass es zu Verlust von Hirnsubstanz kommt und auch nicht, dass Mikroinfarkte auftreten, wie in früheren Studien beschrieben. Selbst die drei Bergsteiger in unserer Gruppe, die Mikroblutungen hatten, erlitten keinen bleibenden Hirnschaden. Die Hirnödeme sind wieder weg.

Datum

7. April 2016 | 17:23

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