More DW Blogs DW.COM

Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

„Totenbergung ist immer traurig – nicht nur am Matterhorn“

Helmi Lerjen

Helmi Lerjen, Bergführer und Bergretter

Schon die Erstbesteigung des Matterhorns vor 150 Jahren endete in einer Tragödie. Vier Teammitglieder starben beim Abstieg vom Gipfel, als ein Seil riss. Seitdem sind am „Horu“, wie die Einheimischen das Matterhorn nennen, mehr als 500 Bergsteiger ums Leben gekommen – so viel wie an keinem anderen Berg der Schweiz. Bei jährlich 2500 bis 3000 Gipfelversuchen gibt es auch viel Arbeit für die Bergretter. Helmut, genannt „Helmi“ Lerjen entstammt einer echten Bergführer-Familie. Bereits in der vierten Generation führen die Lerjens Gäste auf Berge wie das Matterhorn. Helmi, der mit seiner Frau und Tochter, im kleinen Dorf Täsch nahe Zermatt lebt, hilft seit fast 15 Jahren auch in der Bergrettungsstation Zermatt mit. Das Matterhorn, 150 Jahre nach der Erstbesteigung, aus der Sicht eines Bergretters:

Helmi, weltweit gilt das Matterhorn als Sinnbild für die Schweiz. Wie siehst du diesen Berg oder anders gefragt, was bedeutet er dir?

Ich bestieg das Matterhorn bisher 187 Mal mit Gästen. Als technischer Leiter bin ich auch für den Unterhalt der Fixseile am Matterhorn zuständig. Bereits im 19. Jahrhundert führten mein Ururgroßvater Josef und Urgroßvater Alois Gäste aufs Horu. Mein Großvater Joseph Lerjen war 1930 an einem gescheiterten Versuch beteiligt, erstmals die Nordwand zu durchsteigen. (Ein Jahr später waren die deutschen Brüder Franz und Toni Schmid erfolgreich.) Zusammen mit seinem Führerkollegen Kaspar Mooser und ihrem Gast Emile Blanchet stieg mein Großvater mit festem Willen in die Nordwand ein. Ausgerüstet waren sie nur mit Holzpickel und Steigeisen ohne Frontzacken (!). Leider mussten sie wegen Steinschlags und schlechter Verhältnisse in der Wand den Rückzug antreten. Die Felsen waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Sie kletterten mehrere Stunden. Es ist nicht bekannt, welche Höhe sie genau erreichten. Wäre einer der drei ausgerutscht, hätte es das Ende der ganzen Seilschaft bedeutet. Mehrfach gerieten die drei in Steinschlag. Mit viel Glück entrannen sie der Nordwand unverletzt. Mit diesen Geschichten meiner Vorfahren habe ich eine ganz persönliche Beziehung zum Matterhorn.

Matterhorn-II

Gleich die erste Besteigung des Matterhorns endete mit einem Unglück, das vier Bergsteigern das Leben kostete. Wird diese Tragödie unter Bergrettern immer noch als Beispiel dafür angeführt, was am Matterhorn passieren kann?

Jedes Unglück am Matterhorn oder an anderen Bergen ist tragisch. Als Rettungsspezialist ist es für uns immer am schönsten, wenn wir Bergsteiger lebend retten können. Hingegen sind die Einsätze mit Totenbergungen immer traurig. Hier kann man auch nicht mehr von Rettung sprechen, sondern es ist vielmehr eine Arbeit, die wir dann ausführen müssen.

Du bist als technischer Leiter des Bergführervereins für die Fixseile zuständig. Wie sicher ist die Route?

Am Hörnligrat ist die richtige Wegfindung sehr schwierig. Der untere Teil ist wie ein Labyrinth. Sobald man von der richtigen Route abkommt, befindet man sich sofort in losem Gestein, was dann sofort gefährlich werden kann.

Rettungseinsatz der Air Zermatt

Rettungseinsatz der Air Zermatt

Jedes Jahr werden etwa 80 Rettungseinsätze am Matterhorn geflogen, mehr als 500 Bergsteiger kamen schon ums Leben. Das macht das Matterhorn in absoluten Zahlen zum gefährlichsten Schweizer Berg. Welches sind die häufigsten Unglücksursachen?

Das Matterhorn selber ist nicht gefährlich. Gefährlich machen es die Bergsteiger, die sich z.B. am Morgen in der Dunkelheit völlig verlaufen und sich dann in losem Gestein befinden und andere nachkommende Seilschaften mit Steinschlägen gefährden. Durch die Verhauer in der Dunkelheit sind sie dann viel zu lange unterwegs und werden schnell müde. Die Konzentration lässt dann auch markant nach.

Könnte man viele Unfälle vermeiden, und wenn ja wie?

Der Hörnligrat ist die Normalroute auf das Matterhorn, eine der schwersten, die auf einen Viertausender führen. Daher ist es ratsam, sich einen Bergführer zu nehmen.

Das Matterhorn ist kein Wanderberg. Sind viele Matterhorn-Anwärter einfach zu sorglos?

Das glaube ich nicht. Es ist ja bekannt ist, dass der Hörnligrat zu den schwersten Normalrouten zählt.

Viele Bergsteiger auf einer Route, das erhöht fast unweigerlich das Risiko. Steine können losgetreten werden, Staus können sich bilden. Würde eine Beschränkung nicht Sinn machen?

Durch den Bau der neuen Hörnlihütte [Ausgangspunkt des Gipfelaufstiegs] wurde die Zahl der Schlafplätze von 170 auf 130 reduziert. Durch das Campingverbot fallen zusätzlich rund 30 Personen weg. Also werden am Tag insgesamt etwa 70 Personen weniger am Matterhorn unterwegs sein. Das sorgt für mehr Sicherheit.

Wenn du dem Matterhorn etwas zum 150. Geburtstag wünschen dürftest, was wäre das?

Am 14. Juli 2015, genau 150 Jahre nach der Erstbesteigung des Matterhorns, wird zu Ehren der Erstbesteiger niemand auf den Berg steigen. Ich wünsche mir von Herzen, dass sich alle Bergsteiger daran halten und das Horu seine Ruhe hat.

Datum

11. Juli 2015 | 8:00

Teilen